„Ex oriente lux“
Horst Samsons neuer Gedichtband „Vom Auftauchen und Verschwinden der Landschaft“
Von Waldemar Fromm
Besprochene Bücher / Literaturhinweise
Der neue Gedichtband von Horst Samson Vom Auftauchen und Verschwinden der Landschaft enthält fünf Gedichtzyklen. In der Anordnung der versammelten Gedichte aus den Jahren 1986 bis 2025 setzt der Band einen Kontrapunkt zur Chronologie, in der ein Leben üblicherweise geschildert wird. Der denkbare Werdegang wird zugunsten von fünf Themenbereichen aufgebrochen: „An der Schwelle des Schlafs“, „Vertieft in ein leises Gespräch“, „Als der Wind keinen Schlaf fand“, „Geschäfte mit der Zeit“, „Über Gott, das Ende und die Grammatik“. Auch innerhalb dieser fünf Abschnitte wird eine zeitliche Abfolge verlassen. Im „Verzettelungstraum“ heißt es dazu: „Und die Erinnerungen wiegen / Viele Kilogramm schwer, verselbständigen sich, / Sind irgendwann / Älter als wir, am Ende sogar ungelesen.“
Die Gedichte Samsons umkreisen durch die Zyklen einen Seelen- und Gedankenhaushalt, der sich aus dem Lebenslauf folgt: zu Hause zu sein in einer Sprache, zwei Ländern und den daraus folgenden nicht einfachen Verortungen. In allen Zyklen finden sich Gedichte zu den Themenbereichen Auswanderung, Exil, Fremdheit und Heimkehr. Über die Auswanderung heißt es: „Ich habe alles / Mitgenommen. Nichts, / Nur mein Schatten wandert // In die Geschichte, flieht / Durch die Vaterländer, die Zeit // Vergeht. Zurück bleibt die Asche, / Der Verrat, verblutende / Freunde, auf die man dennoch // Zugeht, um etwas / Nicht zu verlieren, das Vertrauen, // Die Sprache, meine / enge Welt – ein Zündholz. / Das nachts Feuer legt.“
Horst Samson wurde 1954 im rumänischen Salcâmi in der Bărăgan-Steppe geboren, nicht weit entfernt vom Delta der Donau, wohin die Eltern Anfang der 1950er-Jahre aus dem Banat umgesiedelt wurden. Kindheit und Jugend verbrachte er in Albrechtsflor, einem Grenzdorf zwischen Rumänien und dem ehemaligen Jugoslawien. Samson war Mitglied der Aktionsgruppe Banat, der heute in Deutschland bekanntesten Autorengruppe aus Rumänien. Diese war den Repressionen und der Gewalt durch den rumänischen Gehemdienst Securitate ausgeliefert. Zuletzt ließ der rumänische Staat die Verfolgten und Bedrohten in den Westen auswandern, indem man den Ausreiseanträgen stattgab.
Die titelgebenden Landschaften, die wie bei einer Reise oder einer Ausreise auftauchen und verschwinden, entstammen zwei Bereichen: der Natur und der Erinnerung. Sie setzen Reisen in die eigene Gegenwart und Vergangenheit in Szene. Die inneren Landschaften tragen Narben des Verlustes. Die äußeren Landschaften thematisieren wie jene im Gedicht Dörfliche Anapher Zeit als Verfallsgeschichte, gegen die die Gedichte opponieren: „Im Gebüsch stürzt die Zeit in grüne Abgründe“.
In mehreren Gedichten verdeutlichen Blumen wie Magnolie und Amaryllis Augenblicke unendlich erscheinender Fülle, die sich plötzlich in ihr Gegenteil verkehrt und in Abgründe stürzt. Dennoch gilt es, auch diese Wege des Verlustes von Präsenz und verlorener Zeit zu gehen, wie im Gedicht Späte Heimkehr: „Alle Gassen sind leer. / Führen ins / Nichts. Nachts / Geht heimlich unheimlich / Der Friedhof / Hinter mir her. / Und ich / Widerrufe / Alle Verträge.“ Die Rückkehr zum Ort der Kindheit und Jugend führt zum nächsten Schritt, zu einer Bewegung nach vorne: Aus dem Verfallenen, dem Tod, entsteht der Auftrag, das Leben neu zu ordnen.
Neben den Rückvergewisserungen Samsons in der literarischen Tradition, den Formen und Motiven sowie den Verweisen auf Autorinnen und Autoren von Hölderlin über Bachmann, Celan bis Eich und anderen, werden die Erkundungen des lyrischen Ichs oft auch in historische Zusammenhänge eingeordnet. Diesbezüglich wäre es unzutreffend, die Gedichte Samsons unter dem Stichwort „Postmigrantische Literatur“ einzuordnen. Dies würde suggerieren, Migration sei eine abgeschlossene Phase, zu der es mit einer klar erkennbaren Grenze ein Danach gebe. Die Gedichte haben zur Aufgabe, beides zusammen zu entfalten, das „Post-“ und seine Folgen, sowie das „-Migrantische“ und seine Folgen, – etwas Anwesendes und doch auch Abwesendes zu thematisieren, ein Dort der Vergangenheit im Banat, das dem Hier der Gegenwart in Deutschland hinzugefügt werden muss.
Beispielhaft für den Umgang mit Grenzen ist das Gedicht Ex oriente Lux. Der Spruch „aus dem Osten kommt das Licht“ wird im Gedicht auf eine ernüchternde Art aus einer zerstörerischen Geschichte gedeutet, Gräben, die zu Grenzen und Totengräbern werden, weil Menschen versuchten, die Grenzen zu überwinden, obwohl sie, was sie anstrebten, nicht kannten: „Für einen Fetzen Freiheit, ein imaginäres Stück / Aussicht, für ein Karat Ungewissheit / Und eine Welt im Westen, von der keiner wusste, // Wie sie in Wahrheit aussah, schwarzweiß oder / Farbig nach welchem Parfüm sie roch, / Und ob sie nachts tatsächlich jenen Himmel trug / Voller ausgeschütteter Diamanten.“ Samson ruft eine komplexe soziokulturelle und politische Situation auf, in der, wer aus dem Osten kommt, in Vergessenheit zu geraten droht, und das trotz der großen Erwartungs- und Handlungsbereitschaft.
Hilde Domin hat ihre Frankfurter Poetik-Vorlesungen 1987/1988 unter den Titel „Das Gedicht als Augenblick von Freiheit“ gestellt. Freiheit ist biographisch und poetologisch ein wesentliches Stichwort auch für die Gedichte Samsons. Gemeinsam sind beiden, bei allen Unterschieden, die Exilerfahrung, das Vertrauen in die Sprachlichkeit von Welt oder das Verständnis des Gedichts als Lebenselixier. Auch davon handeln die Gedichte Horst Samsons.
|
