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Renate Windisch-Middendorf

(Berlin)          

 

Samson, Horst: Der Tod ist noch am Leben.Gedichte

Mit 23 Zeichnungen von Gert Fabritius

Reihe Lyrik Bd. 174. Ludwigsburg: Pop 2022. ISBN 978-3-86356-285-4

 

Abstract: Constants of the absurd are led into linguistic and intellectual boundaries. Reflection of the poetic design in twenty-two drawings by the artist Gert Fabritius in pictorial compression and pointing. Analogies of Word and Image between Christian and Secular Understanding of the World. The dream of the freedom of writing remains motivation and inspiration for the innermost drive of the poet Horst Samson.

Keywords: The homeless ego, faith in the sea, in love, death theme: mourning, traumata, Shoah,

Celan obituary, death Bossert.

 

Der paradoxe Titel des jüngsten Gedichtbandes von Horst Samson steht dem „Showdown zwischen Sein und Nichtsein“ des Wort- und Sinnsuchers Samson programmatisch voran:

Ausgeliefert stehe ich

Im Kinosaal des Gedächtnisses.

Im Echoraum meiner Existenz verfällt der Glaube

An Dauer, an Rache, Sprache und die Sätze hängen

Wie Türen schief in den Angeln, die Erinnerung,

Auch der Körper im heimlichen Verfall ist sich

Der Bilder bewusst. Ich beobachte seine Reaktionen

Beim Showdown zwischen Sein und Nichtsein.[1]

(Bahnhof Marienfeld, 2017)                                                                     

 

Wie in seinen vorangehenden Gedichtbänden Das Meer im Rausch. Gedichte[2] und In der Sprache brennt noch Licht. Gedichte[3] führt Horst Samson die leitmotivischen Konstanten des Absurden und Grotesken – wiederum in balladesk-elegisch variierter Zyklusform – in sprachlich-gedankliche Grenzbereiche. Sieben Zyklen stehen im Zeichen des UNBEHAUSTEN ICH im Glauben „An das Meer“, an die Liebe, an die Sprache: „die Lebenslinie in der Handfläche“ zwischen Sprachnot und Angst vor dem Verlust der Sprache „in der Stille des Alphabets.“[4] Parallel zur dichterischen Gestaltung spiegelt der Buchtitel von Samsons Der Tod ist noch am Leben 22 Zeichnungen, Collagen und Tagebuchaufzeichnungen des Grafik- und Druckkünstlers Gert Fabritius in bildhafter Komprimierung und Pointierung. Sein Titelbild Der spielende Tod. Ein Traum weist auf Analogien von Wort und Bild in der Auseinandersetzung des Menschen mit dem Tod zwischen christlichem und säkularem Welt- und Jenseits-Verständnis.[5] Der personifizierte Tod als Schreckbild des Grauens treibt sein Spiel mit der in blutiges Rot getauchten Weltkugel. Mittels naturalistischer Sprach- und Sinn-Bilder steigert der „spielende Tod“ eines Totentanzes in visueller Beschwörung die allegorische Ausdruckskraft des dichterischen Memento mori.

Der erste Zyklus in Samsons Band, DAS FERNE LICHT, setzt ein mit einer ODE AN DIE GRENZEN.[6] Sie holt das Trauma der dramatischen Flucht des von der rumänischen Securitate bedrohten Dichters und Kritikers Samson aus seiner Banater Heimat in den Westen im Jahr 1987 im VERSCHARRTE ZEIT. ODE AN DIE GRENZEN in die Gegenwart dichterischer Sprache.[7] Der Mond wird sein Verbündeter.

In verlässlicher Umnachtung,

Nicht zu hell leuchtend,

Für den Komplott, ach Mond, Komplize,

Bleibe für eine Nacht,

Bleibe für den Unbehausten

Hinter dem Mond in deinem

Eigenen Schatten, schwarzseherisch wie ich.

[…] – lasst uns

Gehen

            In Frieden, denn es geht nicht mehr

Anders

Rauschen die Brunnen, die Zeit und

Die Maulbeerbäume […].[8]

 

Hier verschmilzt das Abschiednehmen von der Heimat mit einer Zeile aus Adolf Meschendörfers „Siebenbürgischer Elegie“, die wie keine zweite Dichtung des untergegangenen siebenbürgisch-sächsischen und auch banat-schwäbischen Kulturraumes die Verwurzelung der ehemaligen deutschen Kolonisten im Donau- und Karpatenraum festhält:

Anders rauschen hier die Brunnen,

anders rinnt hier die Zeit.

Früh fasst den staunenden Knaben

Schauder der Ewigkeit.

Wohlvermauert in Grüften

modert der Väter Gebein. [...][9]

 

Samson mahnt:

Gedenken wir der Zeit & der verlogenen Zeitungen

In dem aus uns rinnenden

Gebet:

Mond & Herrgott […]

Lasst uns durch

Über der

Grenze, wenn man ihn braucht. [...]

Lasst uns durch, erhöre unser

Flehen & Fliehen & Fluchten – lasst uns

Gehen

In Frieden, denn es geht nicht mehr

Anders.[10]

 

Die erste Zeichnung von Fabritius, Veritas (Vino) wird zum Sinnbild der „Verscharrte(n) Zeit“ und zur „Ode an die Grenzen“[11]. Das Blut des Gekreuzigten fließt aus seiner Brust und aus den Wundmalen seiner Hände in sein Kreuz und wandelt sich zu Wein: „In VINO VERITAS“ – aus der Umkehr der römisch-katholischen Transsubstantiation, der Verwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Jesu Christi beim Abendmahl, wird bei Fabritius eine absurde Grenzdarstellung: die Wandlung von Blut zu Wein, den eine Flasche auffängt, dazu begleitende Schriftzeichen wie ein letztes Gebet, „Oh HERR DEIN LEIB“. Ob der Mensch gewordene Gottessohn im Opfertod, dem Symbol seiner grenzenlosen Liebe zu den Menschen, wohl zu seinem Vater im Himmel zurückkehrt?

Samson lässt den sechsten, und vorletzten Teil seines I. Zyklus, in einem lakonischen Kommentar enden:

[…] das Blut

In den Adern

Es rinnt notfalls

Am Arm entlang, tropft

Ins Abseits

Der ihm zugedachten

Räume & und eingelagerten Träume zuhauf![12]

 

Die einzelnen Zyklen des Bandes verbindet eine Vielzahl von Bedeutungsebenen, welche die Thematik von Tod und Vernichtung variieren: Shoa, Trauer und Traumata, fiktiver oder ästhetisierter Tod in surreal verschlüsselter sprachlicher und künstlerischer Darstellung zwischen Vertrautheit mit mythologisch-religiösen Traditionen und Fremdheit in fernem Todesverständnis von Gott. In seinem zweiten Zyklus, DAS LEBEN ZERFLIESST ZUR TRÄNE, stellt Samson seinem Gedicht HINTER MIRdie erste Zeile seines Nachruf auf Paul Celan voran:

Das Leben zerfließt zur Träne,

Mein versiegeltes Buch. Mutter, ich höre

Immer noch den Weg nach Transnistrien,

Befehle, Elende treten sich

Wund, wie Vieh, vorwärts, ruf ich, nicht

Fallen – nie vergesse ich es, ich schreibe es

Nicht in den Wind, im Wind da

Flattert die Fahne Schmerz und unterm Schnee

Sickert kalt dein Blut aus

Dem dünnen Körper in die Erde, ich ersticke

An dem Gedanken – die Zeit. Die Zeit, sagt Kleist,

Ist entartet. Der Tod lebt […].[13]

 

Dem Tod „ist alles gleich Gültig“, der doppelsinnige Zeilensprung weist ihn als den aus, der ohne Plan und Ziel, zugleich als Herrscher über gültige Regeln, Leben auslöscht:

Im Hirn geistert

Das ewige Leben umher

Wie ein Obdachloser.[14]

 

Paradoxe Satzgefüge entlarven „Phantasmagorien“: „Es geschieht im Nichts.“ Der abendliche Sonnenuntergang lässt den christlichen Himmel verbrennen „und kein Gott ist nah,/ Den Schmerz zu löschen.“ Der Gedicht-Titel SELBSTGEBRANNT erweist sich als zynisches Fazit: „Wieder liegt ein Tag am Ende Im eigenen Blut.“[15]

            Fabritius‘ Zeichnung und Collage zeigt die – bis auf die Augen – verschleierte Glücksgöttin Fortuna, ein Blut rotes Schicksalsrad drehend, angesichts eines Totenschädels unter Blut-roter Fahne, platziert auf einem Stuhl, vor dem das Symbol eines roten Kreuzes, zu einem Dolch gespitzt, in den Boden sinkt. Darunter die Schriftzeichen: O fortuna, rota tu volubilis.[16]

Immer wieder umkreisen Samsons Verse schmerzliches Gedenken an verstorbene Dichter, die den Tod gesucht haben, wie Paul Celan:

[…] Zwischen Sonne und Mond

Und Mohn und Gedächtnis

Erinnert er sich an komplizierte Fälle, Suizide aus

Liebe, Zweifel über nicht vernarbte

Wunden, ist demütig,

Starrt stumm vor sich hin, in Paris,

Am Ufer der Seine, glaubt

An keinen Gott mehr […].[17]

 

- oder Celans frühe Geliebte Ingeborg Bachmann. Ihr Gedicht Die gestundete Zeit beklagt „die auf Widerruf gestundete Zeit“, die „am Horizont sichtbar (wird)“:

Gestundete Zeit

Vielleicht, höchstens ein langer Traum

Von einem kurzen

Abschied und Asche in einer goldenen Urne.[18]

 

Fabritius, der Zeichner, liefert das grausige Bild des „Meister(s) aus Deutschland“, der Celanschen Todesfuge in der schattenhaften Verdoppelung eines tanzenden Skelettes, das auf die abgelaufene Sanduhr weist.[19]

GEPLAZTER FLUG Für Rolf Bossert (1952-1986): Unter bitter sarkastischem Titel erinnert Samson an seinen um zwei Jahre älteren, ebenfalls aus dem Banat stammenden Dichterkollegen Rolf Bossert, der, Jahre lang verfolgt und seelisch geschunden durch den rumänischen Geheimdienst, wenige Wochen nach der lange erhofften Ankunft in der Bundesrepublik, seinem Leben ein Ende setzte. Die Metapher des „Roten Schnees“, die dem Zyklus DER SCHNEE IST ROT voransteht, verbindet das Gedenken an den Freund mit dem Nachruf auf Paul Celan, den der Tod seiner Mutter „ersticken“ lässt.[20]

            [Der Tod]

Erinnert er sich, ist natürlich

Ein Meister, ein Genie. Er braucht keinen,

Der ihm hilft, Tod zu werden,

Er hat den Tod in die Wiege gelegt

Bekommen. Darüber ist er nicht glücklich,

Nur traurig. Der Tod weint.[21]

 

In der doppelseitigen Tagebuchaufzeichnung Der Neue Meister greift Fabritius Celans Fugenthema noch einmal auf: Die schwarz-rote Schattenkralle des Totengerippes versetzt eine Weltkugel in Bewegung, die zu einem einzigen Corona-Virus mutiert ist – allumfassend und ohne absehbares Ende: der Totenkopf ist prall gefüllt mit Spermien/Chromosomen, bereit für die Weitergabe an zukünftige Generationen.[22] OHNE BELEG bleibt Samsons lakonisches understatement aber dennoch:

Die Sprache kopiert uns bis zuletzt,

Dann verliert sie,

Ihre Macht, verliert uns aus dem Auge

Und sich

Im Universum als schwer lesbares Plagiat

Der Zeit. Es hilft kein Gebet,

Kein Wünschen, kein Gott,

Spurlos endet sie mit uns

In Särgen, Leintüchern, in Urnen, als Asche

Im Meer und bleibt doch

Am Leben, wie der Tod […].[23]

 

Der Tod kann sich der Sprache nicht bemächtigen; sie kann ihn aber nicht verschweigen, totschweigen:

Du verschwindest

Eines Tages

im Blau, in der Sprache, wie

in einem Tango –

Ein gelebtes Feuerwerk, in Perfektion

Getanzt mit dem Alphabet.

 

Wie sagte Kleobolus? - fragt der Dichter einen der sieben Weisen der Antike. Die Antwort ist seine eigene: „Lest in den abgefallenen Blättern.“[24] Sind es Blätter, auf denen Dichtung festgehalten wird „Auf dem Grund des Blättersees“?[25] Dem Triptychon TANGO MORTIS stellt Samson Nietzsches Satz „Gott ist tot!“ als Motto voran:

(Der) Steppenwolf)

Vom Baragan, hypnotisch

Zerrieben vielleicht und am Ende

Allein zwischen Heimaten und Staub

In sich verbrannt, ein Schwefelholz,

Verloren um ein Haar

Zwischen Geist und Grenzen

Finde ich jetzt keinen Gott mehr,

Der in Wahrheit mit mir geht [...].[26]

 

Der Dichter sucht im

imaginäre[n] Sein, auf Irrwegen

[die] heimatliche Küste […].

Dort bezahle ich,

Mit der Sprache, mit meinem Leben.

Und ich schiebe den Stein

Himmelwärts, immer wieder und

Bin seit Jahrhunderten verzweifelt.

Es ist eine Scheißarbeit, absurd

Geradezu eine Beleidigung […].[27]

 

Dennoch ist die Sisyphusarbeit immer wieder auch neue Herausforderung: Motivation und Inspiration für den innersten Antrieb seines Schreibens, die Realisierung seiner dichterischen Existenz in der Freude des Schaffens:

Bin ich und bin unverwechselbar

Glücklich für diesen einen Augenblick,

Wo der Stein oben ist. Und ich lebe

Für diesen Moment des Freiseins,

Wenn ich ihn loslasse,

Die Arme hoch reiße und rufe:

Ach wie schön ist die Welt, bevor der Stein mit mir

Ins Tal donnert

Und mit uns alles

Neu beginnt. Als wäre nichts zerbrochen,

Nur sein Schatten über uns.[28]

 

Samson selbst verbirgt sich hinter dem Motto eines „unbekannten Autors“, das seinem Gedicht Mitternachtstango voransteht:

Solange wir die Freiheit haben

 zu träumen, träumen wir,

 die Freiheit zu haben.

 

Der Tango Mortis steigert sich im Mitternachtstango zu einem Traum von der grenzenlosen Freiheit des Dichtens:

            […] Wir gehen

Hypnotisiert gerade

Aus, in uns verloren. Und kein einziger

Gott geht mit uns mit,

Nur Prometheus trägt das Feuer.

 

Ich weiß nicht, welcher

Wind geschieht, ob der es ausbläst

Und welche Träume

Er entfacht. Vielleicht weckt er

ein schönes Lied in mir.

 

Oder wickelt mich in dunkelste

Nacht, in der sich nur noch Spiegelungen

Mit dem Tod verweben.

Dann bezahle ich aus freien Stücken

Mit meinem Leben.“[29]

 



[1] Samson: Das Lied vom Tod, S. 157.

[2] Ludwigsburg: Pop 2019. Lyrikreihe Bd. 140.

[3] Ludwigsburg: Pop 2021. Reihe Lyrik Bd. 165.

[4] Samson, S. 7.

[5] Fabritius, Gert: Der spielende Tod. Ein Traum. [vgl. Titelbild Samson 2022], Tagebuchaufzeichnung 31.05.2013, S- 189.

[6] Samson, S. 11-22.

[7] Samson, ODE, S. 11.

[8] Samson, S. 19.

[10] Samson, S. 19.

[11] Fabritius, Gert: Veritas (vino), Tagebuchaufzeichnung, doppelseitig, 17.06.2017; vgl. SAMSON, S. 14/15.

[12] Samson, S. 19f..

[13] Samson, S. 44.

[14] Samson, S. 54.

[15] Samson, S. 54.

[16] Fabritius: O Fortuna,Zeichnung in Mischtechnik, Collage aus eigenen Blättern, 27.08.2019; vgl. SAMSON, S. 55.

[17] Samson, S. 69/70.

[18] Samson, S. 74.

[19] Fabritius: Der Leiermann. Tagebuchaufzeichnung doppelseitig, 31.01.2011; vgl. SAMSON, S. 72/73.

[20] Samson, S. 44; 93.

[21] Samson, S. 75.

[22] Fabritius: Der neue Meister. Tagebuchaufzeichnung doppelseitig, 28.01.2016; als unabhängiges Einzelblatt im März 2020 weitergearbeitet; vgl. Samson, S. 60f.

[23] Samson, S. 97.

[24] Samson, S. 31.

[25] Samson, S. 34.

[26] Samson, S. 117.

[27] Samson, S. 118.

[28] Samson, S. 118.

[29] Samson, S. 127.