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Horst Samson. Vom Auftauchen und Verschwinden der Landschaft. Gedichte, Pop-Verlag (Ludwigsburg 2025),ISBN 978-3-86356-419-3.19,90 Euro. 155 S.

Horst Samsons poetische Welt: Zwischen Visionen, Ironie und Zivilisationskritik

 

Unter den zahlreichen Dichterinnen und Dichtern, die Horst Samsons Poetik beeinflusst haben,  hat der von dem chilenischen Dichter Vicente Huidobro (1893-1948)  begründete Creacionismo die sichtbarsten Spuren in dem umfangreichen lyrischen Werk von Samson hinterlassen. Bereits in dessen einleitender Huldigung auf seine dichterischen Leitfiguren taucht er als Vorbild in dem Reigen  „seiner“ Poetinnen und Poeten (Ovid, Anna Achmatowa und Friedrich Nietzsche (!)) mit der Würdigung: „Der Dichter ist ein kleiner Gott“ auf. Eine Auszeichnung, die nicht ausschließt, dass zahlreiche weitere vorbildhafte Dichter/innen, Komponisten (teilweise mit ausführlichen Annotationen geehrt)  seinen voluminösen Gedichtband schmücken und damit auch den Nachweis für die tiefgreifende Quellensuche des Autors verdeutlichen. Eingebettet in thematische Felder, auf denen Horst Samson seine dichterischen Leitlinien ausbreitet,  werden selbst aufmerksame Leser/innen beim Rezitieren der Verse nur allmählich die atmosphärische Tragweite der Verse bewusst. Im elegant beherrschten Zeilensprungverfahren kreuzen sich treffliche Aussagen über den klimatischen Zustand unserer Erde, wie „vertraute Untergangszenarien im Glashaus Europa“ (S. 83) auf  „im Wellengang Europa“ (s. 83) mit „falschen Perlen auf rotem Faden“ (83). Solche Wertungen schließen lakonisch gefärbte Visionen und  Intentionen wie „Hab Großes vor / Der Mars reizt mich auch“ (S. 85)L

Einen ähnlich hohen Stellenwert weist in dem Gedichtband eine breit  entfaltete lakonische Tonlage auf.

„Ich besaufe mich an der unendlichen Poesie / an erlittenen Niederlagen, am Exil, an Phantasmagorien / an der verratenen Sprache/ Erinnerungen/ an meiner Idee über die Unendlichkeit des Gedichts“/ (S:66) – Auch Passagen, in denen die Selbstironie gefeiert wird, beleben ganze Gedichtpasssagen, wie in „Geschäfte mit der Zeit“ (vgl. S. 80ff.): „Der Frühling / schlug aus / er traf mich in klassischer Präzision…“ „Also flog ich mit ihm/ Auf kurzen Wegen aus meiner Zeit… /anstatt ins Gefängnis-/ Dort bist du für immer und ewig / das Kreuz/ an das man dich nagelt. (S. 81)

Die existierenden religiösen Leitbilder leiden unter der sarkastischen Abfuhr des dichterischen Ego. Im letzten Abschnitt des Gedichtbandes „Über Gott das Ende, die Grammatik“ heißt es: „Das hohe C / der Entfremdung / Den Kannibalismus a la carte/ So als wäre er von Gott ersonnen. Verordnet brennen unsere Kirchen/ In den Flammen der Gleichgültigkeit/ und in den Hirnen hausen fröhliche Feinde.“ (S. 137)

Auch das Leben erleidet in diesen poetischen Visionen eine Abfuhr: In LEBEN MIT DEM TOD ALS KAMERAD (S.152) heißt es:  „Niemand entgeht der Deportation / ins Jenseits. Da kennt er keinen Spaß. /kein Kraut dieser Erde./ ist ihm gewachsen. Hilfsbereit suchst du / Für ihn tröstende Stellen. In der Lutherbibel, sprichst mit ihm /Über Gott, das Ende und die Grammatik.“ (S. 152)

Die hier vorgestellten wesentlichen Merkmale des Gedichtbandes sind in dessen fünf kapitelartigen Abschnitten an unterschiedlichen Gegenständen umgesetzt. In „An der Schwelle des Schlafes“ ist es ein von Kriegswirren bedrängtes Subjekt, das vom Sirenengeheul eines Krieges geängstigte Ich, das ein näher kommendes Sirenengeheul wahrnimmt. In „Vertieft in ein leises Gespräch“ ist es die Wahrnehmung unterschiedlicher Naturäume“, die das lyrische Ich fasziniert. Im Kapitel „Als der Wind keinen Schlaf fand“ (vgl. S. 47-76) geht es um die Überwindung der Fremdheit mit Hilfe von  berauschenden Getränken wie Dornfelder und Marillenschnaps wie auch  „ Sex zwischen gefräßigen Stunden“ (S. 68).

IN „Geschäfte mit der Zeit“ (vgl. S. 81ff.) gibt die philosophische Reflexion den Ton an. Unter einem Zitat von Immanuel Kant<: „Die Welt hat ihren Anfang in der Zeit“. (vgl. S. 81) Dort fliegt das lyrische Ich  mit dem Frühling aus seiner Zeit, um „auf kurzen Wegen aus seiner Zeit in fremde Galaxien zu fliegen, vor allem um einen Gang ins Gefängnis zu vermeiden. Stattdessen zieht es den Aufenthalt in der freien Welt vor, wo alles einfacher, verlässlicher abläufe Kein Wunder, denn dort geht ist die Liebe, mit einem Heine-Zitat („Doch nimmer vergeht die liebe“) untermalt „frei wie der Pirol“.

Ein besonderes Merkmal der lyrischen Reflexionen in diesem Gedichtband sind die unbekümmert flottierenden Visionen, wie z.B. in „Denkminuten wie wir“, ein erinnerungsträchtiges Gedicht, dem siebenbürgischen Kollegen Franz Hodjak gewidmet. Schon der Einstieg: „Der Himmel hat sich in letzter Zeit/ öfters blau getrunken. Gerne / würde ich seine Erstausgabe in meinem Kindskopf/ finden…“(S.113) Da ist er wieder, dieser unbekümmerte kindlich-naive  und zugleich schnoddrigeTon, der mit überraschenden philosophisch untermalten Visionen diesem Gedichtband mit einer schwebeleichten Stimmung ausstattet ist. Er fördert die Lust am Weiterlesen, am Rezitieren. Und während wir lesen, fallen all die lästigen Vorstellungen von drohenden Katastrophen, von Kriegsgefahr und privatem Ungemach von uns ab. Die Landschaften des Alltags verschwinden, an ihrer Stelle tönt ein Inferno in fis-moll für Prediger und Männerchor“ (S. 140)

Diese im Zeitraum von rund 15 Jahren zwischen 1990 und 2025 entstandenen Gedichte, leicht und unbekümmert dahin schwebend, sind von einem ironischen und sarkastischen Tonfall erfüllt. Sie sind zugleich vortrefflich in der Wahl der Themen und mit einem schwebenden-Rhythmus versehen, der dem Band eine hohe Anziehungskraft verleiht. Wer auch immer auf der Suche nach Antworten auf die augenscheinliche Zivilisationskrise ist, dem ist dieser Band mit den verschwommenen Visionen auf dem Buchumschlag wärmstens zu empfehlen. Die dort angezeigten Schleier verschwinden schon nach den ersten Buchseiten!

Der rasche Wechsel ontologischer Gegebenheiten – ein strukturelles Merkmal der lyrischen Strukturen in Horst Samsons dichterischem Werk –ist auch im jüngsten Lyrikband des unermüdlich Schaffenden auffällig. Doch es sind nicht allein Reflexionen eines durch die Kontinente stromernden homo sapiens, mit dem das lyische Ich sein ruheloses Schweifen durch irdische Gefilde praktiziert. In STROMERN DURCH EUROPA (vgl. S. 17f.) sind es auch „Schwärme von Schleien“, in denen Fischweiber, den Männern blind hinterher vor Liebeswut ebenso wie die agressiven Hechte scheinbar mühelos in ihrem Element Grenzen durchschwimmen, wobei sie nicht ahnen wie die Zeit vergeht im Fluß der Geschichte, der nicht verjährenden Albträume am Steinernen Tor.

Wolfgang Schlott