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Horst Samson


UNTERWEGS

        „Heimreisen
         sind immer länger als Irrwege,
         länger als ein Leben…“
                                           Bei Dao

Du und ich wir treiben
Flussabwärts. Es ist eine Reise

Ohne Grund. Wir
Schlagen den Sonnenuntergang auf,

Unser Buch. Fahren
Die Antennen aus und bereiten uns vor.

Die Abendglocken leiten
Uns auf unbekannte Wege.

In den Obstgärten leuchten die
Birnen heller als das

Paradies. Nie kommen wir dort an.


(2016)

* * * * *

DAHINGEHEN. DEN THÜRINGER FREUNDEN

            "Ich bin die wunde und der Dolch."

                                                    Baudelaire

 

Soeben bin ich, schreibe ich, heimgekehrt,

vom klirrenden Feld.

Nirgendwo ist es schöner zu sein

Um diese Lebenszeit, Jahreszeit, nirgendwo

 

Ist man geschlossener und offener

Für Mitstürzende,

Als beim Dahingehen

In der Stille

 

Des Reifes und des Reifens,

Da Äußeres sich innen sammelt: Brechende

Grashalme, überstürzte Hasen - gewaltig spürst du

In der Natur das eigene

 

Gewicht. Und obwohl du in friedlicher Absicht da bist,

Kannst du nichts verhindern, kannst nicht

Verhindern, dass Rehe vor dir fliehen in weißes Land,

Während du hingerissen

 

Sie gleiten siehst wie Tänzerinnen vom Bolschoi,

Liebend und verwundbar

Bilder der Natur empfängst und Gericht hältst über das

Imaginäre und unsere Anwesenheit darin.

 

* * * * *


SICH EINRICHTEN IN DER ZEIT

Es ist spät. Wir schaufeln den Schnee
Aus den Augen. Der Winter ist der Fachmann

Fürs Altern. Die Tage sind kürzer
Als ein Bleistift. Es wird schon

Früh dunkel. In den Köpfen
Hausiert die Vergänglichkeit und die Angst

Vor dem Schlaf. Wach liegst du
Neben mir auf einem Leintuch so weiß

Wie ein Stück Papier. Im Dunkeln
Schlägt die Haut Funken. Es knistert,

Dann wird es still. In der Sprache
Brennt noch Licht. Und ich höre dich atmen

In meinem Gedicht über das Unsichtbare
Und das Sichtbare darin.


(2017)

 

* * * * *


ALLEGORIE

        Für Johann Lippet

        Der Himmel zehn ist uns die Erde wert.
                                       Ossip Mandelstam


Es endet der Tag, die Seele gefüllt
Mit Licht schlendere ich
Durchs Universum
Mit Proust und dir
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
Begleiten uns
Verlassene
Landschaften, einst unerreichbar
Scheinende
Fremde, Sterne, Paris, ein Fluss
Von Bildern
Zwischen Waage und Schwert,
Über uns der Mond,
Justitia im Zugfenster, im Kopf
Gespiegelt bleibt
Die Rückkehr der Farben
Schon unterwegs
Ins Imaginäre, Nürnberg
Im März 1987 – wiedergefundene
Zeit und die Sprache
Verbindet
Die Fäden der Erinnerung
An jene zerfledderte
Epoche. Zur Feier
Des Frühlings trägt die Freiheit
Ein Veilchen im Knopfloch,
Wie einst Ossip Mandelstam
Als Anna Achmatowa ihn traf.


(2021)

 

* * * * * 

DIE FREMDE

Die Köpfe, schreibe ich, sind
Unterwegs, an den Rand
Der Fremde. Sie riecht von fern
Exotisch,
Nach Mandeln, Christstollen und Korn,
Musik und aus der Nähe
Nach Noten
Aus dem Kummerkasten
Für ein Requiem über Vertreibung,
Verbrechen und das Zerbrechen
Der Jahre
Unter der abnehmenden Kraft des
Mondes, auch
Über das Unerwartete, das Erlöschen
Der Farben auf der Netzhaut,
Voller Splitter,
Verlorenes, das im Augapfel
Aufscheint, Delilah, kurz glänzt
Wie das Vermächtnis des Nasiräers,
Gereift im Gewebe
Von Liebe & Verrat, immer
Lesbar, die schöne Iris, glühend
Licht aus ihr, das mir
Die Pupillen weitet vor so viel Anmut,
Die ich sehe, wie
Sie flieht
Im „Städel“, mit der Trophäe im Triumph,
Mit Haut und Haar und Schere,
Wie Rembrandt sie gesehen hat
Am Tag der Blendung.


(2020, nach einer alten Notiz)

 

* * * * *

 

DER ALTE UND DAS MEER

Alle Schiffe verloren,
Kirke – Weltgeschichte, ich habe sie
Durchkreuzt
Zwischen Skylla und Charybdis,
Ost und West.
Der Alte malt mit dem Gehstock
Landkarten in den Sand
Trojaner, Sirenen, Rinder des Helios,
Nymphen. Menschen
Gehen achtlos
An uns vorüber, einäugig wie
Polyphem. Ich entkam
Den Gefahren, dem Tod
Auf einem Floß
Und Kalypso, meine Geliebte,
Erzählt er, versprach mir
Die Unsterblichkeit,
Ithaka aber rumorte
Im Hirn, das Heimweh, Penelope –
Die Freier scheiterten alle
Am Bogen des Eurytos. Der Tod war
Ein Rächer
Aus Griechenland. Mit ihm rede ich oft
Auf dieser Bank
Am Ionischen Meer, verhöre ich
Die Zeit, vertreibe die Tage, zähle
Schiffe und versuche
Penelope zu vergessen, auch Helena –
Nichts blieb mir, nur dieser
Moribunde Hund. Er folgt mir blind
Durch Legenden,
Heldensagen und die Literatur.


(2019)

 

* * * * *

 

EXIT

Die Decke ist weiß, ich liege
Im Schnee, das Bett
Aus Eisen. Als schlüge das Herz
So perfekt im Takt
Tropft die Infusion
In die Adern. An der Decke
Ist nicht viel los. Schatten nur
Haben sich hin verirrt.
Im Glas des Fensters spiegelt
Sich matt die Zimmerlampe.
Vor mir liegt die Nacht,
Eine Wand, dort hängt
Der Fernsehapparat, ein schwarzes
Loch ins Universum.


(2016)

 

* * * * *

SIEBEN SÄTZE ÜBER DAS REINE LEBEN

Die Zeit arbeitet
Als Hure im Institut für Verfall,
Begräbnisse und Verwesung.
Die Zukunft promeniert
Als elegante Dame mit Sonnenschirm
Und trägt Edelsteine im Haar.
Hoffnung ist der Ruhestifter
Wenn in den Zellen des Hirns
Die Gedanken rebellieren.
Das Herz ist eine Sicherheitslücke,
Die Gott als Strippenzieher
Zu schließen vergessen hat.
Der Schmerz ist ein Herr
Im schwarzen Frack
Mit einer Träne im Auge.
Die Liebe bringt uns
Auf Hochglanz und bleibt
Ein fortgesetztes Selbstverhör.
Das Leben ist ein Gespräch
In der Dunkelkammer über Glück,
Die Ränder des Da- und Wegseins.

(2016)

 

* * * * *

BRIEFE AN DEN SCHNEE

Niemandlinge, singuläre
Gefühle im Gepäck, verlorene
Landschaft, die imaginäre

Reise in die kalte Farbe
Weiß – eine schwere Vergiftung
Durch Verlust, Zukunft

Im Kopf, im Koffer nur
Nichts, Heimat ohne Himmel.
Nachdenken über

Gefrorene Tränen der Träume.
Viel Glück im Genitiv, Zugehörigkeit
Am Ende drüben, dem vielleicht

Schöneren Ufer der eigenen
Existenz. Die Sterne glitzern,
Du schreibst letzte Briefe,

Die Toten sind leise und immer
Dabei, als Schnee in der Idee
Über Fremde und Wurzelwerk.


(1987/2017)

 

* * * * *

 

BOPPARDER HAMM

          Für Edda

Zu unseren Füßen windet sich der Rhein
In Schleifen. Wir genießen die Lage
Feuerlay am Bopparder Hamm, Schiffe,

Die Bilder und Waren ins Blaue
Führen, uns die Last von den Schultern
Nehmen, damit wir noch einmal

Aufblühen auf diesem Schiefer, vergessen
Die Sünden – Weltkulturerbe. Oh Wanderer,
Kommst du heute Abend in den Himmel,

Sage den Göttern dort, du habest uns hier
In der Oktobersonne liegen gesehen,
Zwischen Weinstöcken, Trauben, Sonne

Im Haar und Riesling Spätlese
Auf der Zunge, wie der Herr es befahl.
Und dass wir unser gebuchtes

Zimmer im Himmel stornieren, lieber
In die betörenden Farben der Weinblätter
Schlüpfen, um darin zu schlafen wie Gerechte.

(2014)

 

* * * * *

 

BANATER WIND

Ich schwärme für die Grille,
Die im Frühjahr auf ihrer Gibson zirpt,
Für den Mohn und die Kornblumen,
Das Rauschen der Gräser,
Die eine schier endlose Weite bewachen,
Den blauen Baldachin über uns,
Die heiligen Fantasien, die Ameisen
Zu unseren Füßen, die Weizenhalme und
Das frische Landbrot, die Maisstängel,
Diese bis an ihre goldenen Zähne
Bewaffnete Leibgarde des Herbstes,
Das kühle Wasser aus der Tiefe
Des Dorfbrunnens, klarer als jede Träne,
Als alle Schneeflocken der Welt.


(2019)

 

* * * * *

STERNENTAUCHER

          Mein Zeuge ist der leere Himmel.
                    Jack Kerouac (1922-1969)

Ein leises Rauschen tönt
Durch die Nacht,
Von den Pinien weht Gezirpe
Und der Geruch von Harz.
Dann ist es still wie
In einer Auster. Berauscht
Liege ich in einem Märchen,
Neben der noch warmen
Gitarre und einer
Flasche Saint Emilion,
Grand Cru classé,
An der Westküste Frankreichs,
Höre der Brandung zu,
Beobachte den in Sucht und Silber
Getauchten Atlantik,
In dem Sterne mit Elfen baden.


(2019)

 

* * * * *


WEISSE NACHT

Dein Haar liegt biblisch
Auf dem Polster
Wie eine Herde
Wilder Ziegen. Im Fenster
Weidet der Morgen
Das Licht. Deine Haut

Kühlt langsam ab. Deine
Stimme noch
Im Ohr ziehe ich
Die Decke über
Dein nacktes Bein und sehe
Dir beim Schlafen zu.

 

(2017)

 

* * * * *

 

DAS LAND

 

Das Land hat keinen Namen, die Stadt

Nicht und nicht das Dorf. Die geduckten

Menschen, die Mörder kennt jeder, die Angst,

Den langen Arm der Geschichte.

 

Keiner erinnert sich, wie es geschehen konnte, geschah.

Eines Tages waren die Zeugen weg, alles war spurlos

Verschwunden, wie aufgelöst, sagen sie, im Äther

Verflogen, nichts wurde vermisst, kein Mensch, kein Wort.

 

Nachts glühten Gedanken, entzifferten den Tod,

Im Zwielicht pulste das Hirn, schimmerte

Wie Phosphor brannten die Augen im Kopf, die Akten,

Das Herz lag da, leer wie eine verlassene Kaserne. 

 

 

 

* * * * *

IN DER ZELLE DER EXILS

 

Es wächst im Lager nachts ein Land

Wie Unkraut hoch: So war’s, ganz anders

Wie wir wissen, wird es vielleicht mal

 

Gewesen sein, wird Farbe jetzt daheim

Und Imagination, wird vorgestelltes Schrein.

Die letzte Zeit im Weitergeben halber Wörter

 

Hinter vorgehaltener Hand – vielleicht ein Leben

Totgelegt, verscharrt im Sand, das sich bewegte noch

Auf dem Papier, versprengt wie wir.

 

(1987/2012)

 

* * * * *

 

GEBET

 

Der du bist im Exil,

Verschwiegen werde dein Name, dein Wille

Vergehe ungeschehen auf Erden wie im Himmel

Das tägliche Brot. Dein Reich

Verschimmele, wie Dein Körper, deine

Wörter sind schnell und schuldig, sie vergeben

Nichts wie auch wir dir nie vergeben.

Es treffe dich das Böse, wo immer

Du bist, und nehme dir alles – das Land

Und die Kraft und deine Herrlichkeit,

Das ewige Amen und die Sprache. Deine Gedärme

Sollen rosten, dein Hirn
Soll verglühen wie ein Komet im Nichts

Des Exils, wo auch du ein Niemand bist

Wie dein Name. Wie

Dein Name!

 

(2013)

 

* * * * * 

 

BEWERBUNG UM DIE VAKANTE STELLE IM PELAGOS-PROJEKT

 

Mein Gehirn ist groß, ich interessiere mich für Frankreich.

Bin sehr begabt, ein exzellenter Springer, kann wundersam pfeifen, schwimmen
Und manches mehr. Ich habe in Filmen gespielt. Ich sehe weit und tiefer

Noch unter Wasser. Gerne kleide ich mich elegant, grundsätzlich
In abgestuftem Grau - heller unten und mit dunklem Cape. Ich unterscheide
Mich, geehrte Damen, werte Herrn, von allen anderen aus der Gruppe
Durch Linien, Felder und Farben reich an Kontrast. Man rühmt mir nach,

Ich sei der flinkste in den Wasserwelten und meine hohen Sprünge
Zierten die Glanzseiten teurer Magazine. Man kenne mich, berichtete
Ein Fotograf, auf allen Kontinenten und hält mich für sozial. Ich will's nicht
Leugnen, ich gebe zu, dass ich verletzte, kranke, sinnesschwere
Artgenossen selbstlos pflege. Ja, ich tue Gutes und bin auf Angriffe eingestellt.

Während die eine schläft, halte ich die zweite Hälfte des Gehirns hellwach
Und beide Augen schließe ich nie. Nähre redlich mich bevorzugt von Kalmaren,
Verschmähe Fische nicht und auch nicht Schalentiere. Ich helfe gerne, wo ich kann,
Nicht Göttern nur, wie Apollon, den einst an Land ich trug, oder Poseidon,
Dem ich half, die Hand der Meeresnymphe Amphitrite zu gewinnen,

Auch den mit Liedern reich gewordenen Sänger Arion von Lesbos zog ich
Ans Ufer und rettete ihn vor Gierigen, und sogar Autisten halte ich
Die Rückenflosse hin und ziehe sie - ihre Seele heilend - hinter mir her.

Ich weiß, es brüstet sich das Militär, in finstern Zeiten meiner sich zu bedienen,
Zu missbrauchen mich als Minenschlepper und -installateur.
Ich kann's nicht leugnen, ich verachte sie, Gott ist mein Zeuge.

Will in Antibes friedlich Krebse und Tintenfische mir verdienen,
Und mehren meinen immer noch zu geringen Ruhm.
Am besten kennt und schätzt man mich unter Wasser,
Es ist wahr, da wo die Stillen vegetieren, obwohl mein Konterfei
Sogar das Wappen des Grafen von Vienne ziert und manch ein Hippie mich
Zum Symbol erkor für die Bewegung gegen hohle Wohlstandsideale.

Verstehen kann ich das, nur nicht begreifen, war ich doch nie an Land und schlief
Bekifft in Blumenwiesen mit Gitarren. Wahr ist, ich kann kommunizieren,
Diese Bewerbung ist Beweis genug. Dazu hab ich Empfehlungen,
Geehrte Damen, werte Herren, für friedliches Orten von Seeminen – auch aus 100 Meter Tiefe.
Ich bitte sie um Ihre Zuneigung. Über ein Vorstellungsgespräch würde ich mich freuen.

 

(2007)

Anm. d. Red.: 2007, im UN-Jahr des Delfins, verlieh die „Gesellschaft zur Rettung der Delfine“ (GDR) in Kooperation mit der Zeitschrift „Das Gedicht“ (Anton G. Leitner Verlag, München) und mit Unterstützung der Abteilung für Umwelt und Nachhaltigkeit von REWE-Touristik, Horst Samson den Preis „Das schönste deutsche Delfingedicht“, der unter anderem in einer Reise für zwei Personen zur Walbeobachtung nach Teneriffa bestand.

 

* * * * *

 

DIE ZERSTÖRUNG DER WELT IN SIEBEN TAGEN

 

Am ersten Tag vernagelte er die Türen,

Vergitterte die Fenster,

Hielt eine flimmernde und lange Rede

Über die Nutzung der Sonnenenergie und des Uraniums,

Über die Vorteile der Dunkelheit

Und des davonfließenden Wassers.

 

Am zweiten Tag ließ er

Die schaukelnden Fahnen aus dem Sack,

Reduzierte drastisch den Sauerstoffverbrauch,

Verkaufte die Berge, die Bäume und die Sträucher,

Rasierte ganze Ortschaften von der Landkarte,

Ackerte die Friedhöfe um,

Entdeckte den Asphalt und die Industrie.

 

Am dritten Tag schaffte er die schwarzen Zeitungen ab,

Erfand in mühevoller Arbeit

Die rote Zeitung und das Farbfernsehen,

Die Zufriedenheit des Fußvolks und der Kühltruhen,

Verteilte Brot

Und warf ein geheimes Netz über die Landschaft.

 

Am vierten Tag verordnete er die Verschmutzung

Der Flüße, Seen und Weltmeere,

Die Aufzucht neuer Unkräuter und Krankheitserreger.

Die Blumen wurden mit verbundenen Augen

An die Wand gestellt,

Den Rest erledigte eine originelle chemische Substanz.

 

Am fünften Tag - Es war der Tag der Offenbarung -

Sah man viel Volk versammelt und sieben Leuchter,

Hörte eine Stimme, die war wie großes Wasserrauschen

Und ging aus mit Blitz und Donner von einem Stuhl,

Der gesetzt war im Himmel und auf dem einer saß,

Zwischen Tieren vieltausendmal Tausend,

Voller Augen vorn und hinten.

Und neben jeden Milizmann war ein Milizmann gestellt,

Und neben jedes Ohr ein Ohr,

Und niemand wusste, was da ist, was war, was kommt,

Die Vernunft zu nehmen, zu erschlagen, zu erwürgen

Auf fahlem Pferd die noch beweglichen Geister

Zwischen den vier Ecken der Welt,

Die ein Zimmer war mit vernagelten Türen

Und einem Regenbogengitter vor dem Fenster.

 

Am sechsten Tag fanden die ,,Stunden der Kultur'' statt.

Da wurden die Maler und Bildhauer,

Die noch Maler und Bildhauer waren, verboten,

Die Architekten, die noch Architekten waren,

Die Filmemacher, die noch Filmemacher waren,

Die Schauspieler, die noch Schauspieler waren.

Die Schriftsteller, die noch Schriftsteller waren,

Wurden als ungültig erklärt,

Und es wurde ein Buch geschrieben, so dick

Wie hundertfünfzig Wände

Und der verbliebene Odem reichte noch gerade dazu aus,

Den Allgegenwärtigen

In extenso zu loben mit hellen Zimbeln.

 

Am siebenten Tag - es war ein Arbeitstag

Wie alle anderen - trat der ,,Abendstern"
Mit geflügelten Friedensworten vor die Welt

(FernsehApparate aller Länder liefen auf

Hochtouren). Und er winkte, sah und verteilte

Geheimdienstler in alle Himmeln,

Streute Gift über das Gewimmel

Lebender Seelen, zerstückelte kunstvoll

Die Kontinente in den Köpfen

Bis sich im ganzen Land nichts mehr regte.

Da besah er alles, was er getan hatte,

Und siehe, es war sehr gut gelungen.

 

(1981 - erstmals erschienen in "Tasten. Zeitschrift für Literatur", Wuppertal 1991)

 

 

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