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Horst Samson

 

Ein Molekül springt aus der Bahn

 

Das Gedicht als Licht und Heimat - Vom Schreiben und Reiben
an der Sprache und der Welt

 

 „Nihil in terra sine causa fit“, nichts auf Erden geschieht ohne Grund – und niemand schreibt ungestraft Gedichte. Lyrik ist unstrittig die verhexte Königsdisziplin der Literatur, der unsere Zeit die Bettelkleider übergeworfen hat, bevor sie aus Buchhandlungen verjagt und an die Ränder der Papierwelt vertrieben wurde, auf die Deponie der missachteten Werte.

 

Was aber macht „ein Molekül, das aus der Bahn springt“[1] mit einem jungen Menschen, der sich im Grunde schon der Musik verschrieben hat, dann plötzlich das Gedicht wieder entdeckt und aus der Reihe tanzt, der in keinem Strom mitschwimmt, aber anfangs so tut, als wäre er mit vielen, wenn nicht gar mit allen Wassern gewaschen? Was also anfangen mit einem Steppenwolf im wahrsten Sinne des Wortes, mit einem aus der Baragansteppe, der sich gelegentlich im Rudel zeigt, aber der in Wahrheit ein Einzelgänger ist, ein Einsamer, der imaginierten Spuren folgt, aus unerfindlichen Gründen getrieben, die Weiten der Sprache und des lyrischen Sprechens zu durchmessen, der Wörter und Sätze Nächte und Tage lang belauert als wären es Gottes Schafe auf einer himmlischer Weide, die er unbedingt, aus einem Instinkt heraus reißen will, reißen muss.

 

Das scheint ihm in die DNA gestanzt, in sein Hirn gebrannt, in das Ich eingeschrieben. Als er dieses Geheimnis entdeckt und ihm verfällt, wird ihm schnell klar, es gibt ihn nur, weil es das Schreiben gibt. Und ohne das Gedicht, das wie Pilze aus seiner Phantasie schießt, wäre er nur sein verkrüppeltes Ich. Er taucht missionarisch tief in die schriftlichen Überlieferungen althochdeutscher Textfabrikate, in Wessobrunner Schöpfungsverse und Merseburger Zaubersprüche, in Sprichwörter und Beschwörungsformeln, in früheste Heldenlieder und Gebete, entdeckt die lyrischen Kontinente. Eines Tages – er blättert gerade in einer Anthologie afrikanischer Freiheitslyrik - fällt ihm dann der schwere Satz auf das dünne Papier, das vor ihm liegt: Das Gedicht ist die Heimat der Menschheit. Er atmet auf, befreit von einer imaginären Last und im frohen Taumel über diese Erkenntnis.

 

Im Ringen mit dem Gedicht erkennt das Ich sich selbst, entdeckt auf Pegasus reitend das geflügelte Wort vom Alter Ego, sieht die eigenen Freiheiten im ungezwungenen Umgang mit sich, den Buchstaben und der Welt, mit dem Schönen, Wahren und Guten, stößt auf die Zwänge der Verführungen und Verlogenheiten dieser Welt, auf die Macht und Ohnmacht, übt die Grammatik der Existenz und des Denkens, studiert die Philosophie der Vernichtung und des Verfalls in den gesellschaftlichen Niederungen, taumelt auf der Klaviatur des Alltags über die weißen und schwarzen Tasten des Lebens, verschriftlicht sich schließlich als Dichter Zeile um Zeile und Strophe um Strophe zu einem eigenen Universum mit kalten Sternen und weiten Galaxien, heißen Sonnen und kosmischem Nebel aus Staub und Gas – Emissionsnebel, der selber leuchtet, oder Reflexionsnebel, die das Licht naher Sterne reflektiert.

 

Während er so neben der Literatur im Selbststudiengang Philosophie, Juristerei und Theologie „mit heißem Bemühn“ (Goethe) studiert hat, beim Militär noch Medizin, die Politik nicht zu vergessen, da dämmerte es ihm langsam, jede Gesellschaft ist eine Erpressungsmaschine gegen den freien Geist und das offene Wort. Wenn Geist und Wort ungehindert durch die Welt vagabundieren, sehen Mächtige darin oft Gefahr im Verzug, einen Amoklauf und die Erregung öffentlichen Ärgernisses, so dass die Allgewaltigen unwillkürlich, ja reflexhaft zu ihren Folterwerkzeugen greifen, um sie in einem memento mori als doppelchörige Motette von Bach‘scher Brillanz dem Dichter zu zeigen. „Der Geist hilft unser Schwachheit auf,[2] … der Geist selbst vertritt uns aufs beste mit unaussprechlichem Seufzen. Der aber die Herzen forschet, der weiß, was des Geistes Sinn sei; denn er vertritt die Heiligen nach dem, das Gott gefället.“

 

Gegen machtbesessenen Wahn hilft, so schräg sich das anhören mag, am besten und friedlichsten von Anfang an das Wort, die Sprache. Sie wirkt am Ende wie ein Antibiotikum, peitscht selbst in einem vom Fieber der Angst und des Schweigens durchschüttelten Körper die letzten Abwehrkräfte hoch, weckt das Immunsystem und unbändig auch den Willen zum Leben, zum Überleben, sei es auch nur ästhetisch, in der Kunst der Dichtung, um die sich Mond und Sonne drehen.   


Es ist wahr: Die Quintessenz der Literatur ist und bleibt die Sprache. Jede Sprache aber – und das gilt auch für genetisch verwandte Sprachen – verfügt über eine spezifische Logik und  Bedeutung der Verbindungen der Zeichen untereinander, jedoch auch über ein unverwechselbares Notensystem, in dessen Zellen Melodie und Rhythmik gespeichert sind und in einer Art Quintenzirkel auch die Tonarten von Dichtung. Aus diesem komplexen Kommunikationskonglomerat heraus prägen Dichter im Gedicht mit Macht die Welt als Lautbild und Vorstellung, als unsere Sinne und den Verstand bewegende Sprach- und Denkgebilde. In diesem Kontext gestehe ich, musikalisch verseuchter Dichter, dass ich die Wörter gerne zum Klingen bringe, mir die Verse laut vorlese, versuche, sie durch den Rhythmus des Lesens in stärkere Schwingungen zu versetzen. Ich verstehe mich dabei aber keineswegs als ein Performer, sondern als subversiver Schmuggler, der Inhalt und Form, Bilder, Metaphern und Ideen, das Wort und seine Musik, die Strophen und Zeilenbrüche, die Ein- und Aussichten meiner Existenz in die Köpfe der Zuhörer eindringlicher einschleusen will und bin jedes Mal gespannt, ob es gelingt, den Leser zum Komplizen zu machen, ihn zum Nachdenken zu bewegen, über Gott, Diktaturen und die Welt, über Sprache, Dichtung und Wahrheit, über die Schönheiten der Erde, der Luft und des Wassers, über die Vor- und Zufälle, die Leiden und Leidenschaften unserer pretiösen, filigranen und zerbrechlichen Existenz. Und klappt das, dann war nichts umsonst und ich schwimme im Glück dieser unfassbar verrückten, meisterhaft grauenvollen und dennoch fassungslos schönen Welt. Das Wort stehe mir bei!

Damit dürfte auch der Letzte gewarnt sein, bin ich doch, im Sinne Heinrich Heines, ein Gemeingefährlicher, denn: „Die Deutschen“, schrieb Heine, „sind ein gemeingefährliches Volk: Sie ziehen unerwartet ein Gedicht aus der Tasche und beginnen ein Gespräch über Philosophie.“

In der gebotenen Kürze des langen Nachdenkens hoffe ich, in und mit den Gedichten verständlich machen zu können, was mir Dichtung und Sprache bedeuten, warum sie mir helfen, innerlich fest gegründet zu sein und warum ich geradezu gezwungen bin, weiterzuschreiben, obwohl ich mit meinen Gedichten weitläufig die Resonanzlosigkeit bewohne und mich weltläufig zwei Fuß unterhalb der literarischen Öffentlichkeit bewege, herumtreibe, bislang ein Fall vorwiegend für Insider.

* * *

Ich bin nur ein Dichter, von Sprache und dem Erfassen der Welt und ihrer Wesentlichkeiten erfüllt, hoffend, dass der geneigte Leser mir folgt in den Lärm und die Stille einer Zeit, die düster war, aber auch heiter sein konnte, lebendig, aber auch tödlich. Das hat mich als Schriftsteller geprägt, auch gezeichnet, aber im Widerstand auch aus Zwängen befreit. Daraus schöpfe ich aus dem Vollen.  

In meinen Augen braucht die Lyrik, wie wir alle, die Freiheit. Und die verschafft sie sich, in dem sie sich mit der Unfreiheit anlegt und Sprache als ihre schärfste Waffe, aber auch als Skalpell einsetzt.

Es braucht der Dichter ein Bewusstsein seiner Selbst, seiner weltlichen, meinetwegen auch seiner transzendentalen Vernetzungen, auf jeden Fall sollte er wissen und für sich definieren, warum er schreibt. Für wen er schreibt, das ist lediglich von sekundärer Relevanz.

Kraft der Sprache und des mitunter verzweifelten Ringens mit mir selbst, hoffe ich, geht über der aus einem Verbund von Tatorten bestehenden Gegend der Literatur, trotz der immanenten Dramatik bei der Verschriftlichung der eignen Existenz, die strahlende Sonne aus Homers Zeiten immer wieder über meinen Gedichten auf, jene Sonne, von der Friedrich Schiller sagte: Siehe, sie lächelt auch uns![3]    

* * *

Viele meiner Gedichte spiegeln exemplarisch die Zeitläufte des Emigranten, die fortgesetzte Suche nach Vaterländern und verlässlicher Verortung, nach unverbrauchter Sprache und einem Stück blauen Himmel, die Heimat sein können, und sie bilden den Reichtum der Sprache, der Literaturen dieser Welt und des poetischen Arsenals ab. Das tun sie im Verbund mit grundlegenden existentiellen Belangen, mit Fragen und Plagen des Individuums in einer rauen, unruhigen Welt, wo – in Anlehnung an Bert Brecht gesprochen – ein Gespräch über Träume fast schon ein Verbrechen ist.

Wir alle aber träumen vom Glück, sind für Freiheit, für das Recht auf Leben und für eine schönere, bessere Welt. Manche glauben, dies mit Repressionen, Sanktionen oder Waffen zu erreichen, andere mit Gesetzen, Religionen oder Kapital. Alles gewiss mächtige Werkzeuge, mit denen man Welt verändern kann. Nichts aber ist größer und stärker, sinnvoller und vernünftiger im Engagement für bessere Zeiten als die Sprache, das Wort, das Gespräch, Meinungsabgleich und Verständnis für die Vielfalt des Lebens, der Menschen und ihrer Hoffnungen auf allen geographischen Koordinaten dieses Planeten.

Das Gedicht ist ein filigranes, aber potentes intellektuelles Vehikel für geistige Höhenflüge, für Wahrheit und Wahrhaftigkeit, für künstlerische Kreativität und für Präzision, auch für die überlebensgroßen Wünsche und Sehnsüchte, in uns und in andere hineinzuhorchen, um herauszufinden, was uns im Innersten zusammenhält und wo der eigentliche Sinn im Unsinn der menschlichen Existenz im Grunde genommen zu finden ist.

Das Gedicht aber bedeutet noch weit mehr als nur Sprache, Wirklichkeit oder Phantasie, Huldigung oder Kritik, mehr noch als nur die Verschriftlichung des eigenen Lebens. Es ist letztendlich, wie die Dichterin Hilde Domin erkannte, mehr als die Summe aller seiner möglichen Interpretationen. Das Gedicht ist in persönlichen Notzeiten des Getriebenseins auch Heimat für alle, die keine haben.

Wer sich in ein Gedicht flüchtet, wird weder nach Herkunft oder Hautfarbe, noch nach Geschlecht, Vermögen oder Reisepass gefragt, sondern er darf als Dazugehörender mitreisen, kreuz und quer durch die Sprachen, Bedeutungen, Epochen, durch Vaterländer, Muttersprachen und Kontinente und sei es bis ans Ende der Welt.     

„Nihil in terra sine causa fit“, nichts auf Erden geschieht ohne Grund. Nach meinem Verständnis ist ein gutes Gedicht nicht nur formal und sprachlich brillant gearbeitet, sondern es ist auch geerdet. Wer sich einem guten Gedicht zuneigt, mit ihm spricht, dem öffnet es sich und es wird ihm zu eigen, denn man kann hören, wie es atmet, begreifen, wie es lebt und denkt, und man versteht … seine Existenz!

 

Neuberg, 1. Mai 2018

 



[1] Horst Samson: „La Victoire. Ein Poem“, Lyrikedition 2000, München 2003, herausgegeben von Heinz Ludwig Arnold.  

[2] Johann Sebastian Bach: Der Geist hilft unser Schwachheit auf[1] (BWV 226); der Text der Motette, geschrieben für zwei vierstimmige Chöre, kombiniert eine Bibelstelle des Römerbriefs (Röm 8,26–27 LUT) mit der dritten Strophe des Kirchenliedes „Komm, heiliger Geist, Herre Gott“ (EG 125), das Martin Luther 1524 geschrieben hat.

[3] Zitat der Schlusszeile von Friedrich Schillers im Jahre 1795 entstandener Elegie „Der Spaziergang“. 

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