Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.


Joseph Freiherr von Eichendorff  (1788-1857)

 

Mondnacht

 

Es war, als hätt' der Himmel

Die Erde still geküßt,

Daß sie im Blütenschimmer

Von ihm nun träumen müßt'.

 

Die Luft ging durch die Felder,

Die Ähren wogten sacht,

Es rauschten leis die Wälder,

So sternklar war die Nacht.

 

Und meine Seele spannte

Weit ihre Flügel aus,

Flog durch die stillen Lande,

Als flöge sie nach Haus.

 

 

Seit über vier Jahrzehnten kenne ich dieses tödlich schöne Gedicht, bin ihm stets neu erlegen. Die transzendentale Stimmung ergreift mich mit imaginären Krallen, hebt ab mit mir im konjunktivischen Aufwind der ersten Strophe über alle Vergangenheiten, lässt mich mitfliegen in ein unergründliches Sternenmeer, ausschwärmen zwischen Himmel und Erde, zum Ich werden in der letzten Strophe des Lebens. Ganz leicht in der Sprache und sicher im Blick auf die Dinge der Erde entfacht Eichendorff volksliedhaft eine sehnsuchtsschwere, sinnphonische Komposition, entführt mich über die verschwiegene Linie des Horizonts in eine andere Zeit, geleitet mich westwärts in die Ewigkeit – die sich mit diesem genialen Konjunktiv der letzten Zeile öffnet wie ein weites unentdecktes Land. Und erst jetzt, im stillen Vergehen und Ankommen ist der Tod überwunden, der weit unten durch die Felder streift, vergessen sind wogende Ähren, rauschende Wälder, die Schönheiten der Welt. Als meine Frau Edda mir kürzlich im Krankenhaus nach einer Hautkrebsoperation ihre Tagebuchaufzeichnungen zeigte, die sie mit einem roten Abendhimmel, fotografiert vom Fenster ihres Krankenzimmers aus und mit „Mondnacht“ illustriert hatte, weinte ich. So tief ging mir dieses Gedicht unter die Haut. Und ich sah unsere Liebe fliegen, anmutig und still und so als flöge sie mit uns beiden nach Haus.

Horst Samson

 

Bildergalerie