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Eulenspiegels Regenschnüre

 

Dem Dichter Rolf Bossert zum 65. Geburtstag – Vielleicht wollte er fliegen

 

Von Horst Samson

 

Weil der Himmel heute Nachmittag regnete und mir die Regenschnüre vors Fenster spannte, während ich im Kopf Filme abspielte und dabei versuchte, Bilder zu sortieren, erregt wie jene Zuschauer Eulenspiegels, denen er beim Drahtseilakt die eingesammelten Schuhe als heilloses Durcheinander vor die Füße fallen ließ, schien mir genau das der richtige ...Augen-Blick zu sein, dem an mich heran geschriebenen Wunsch Erwin Josef Tiglas aus Reschitza, dem Geburtsort Rolf Bosserts, nachzugeben, und etwas aus meiner gemeinsamen Zeit mit Bossert aufzuschreiben, umrankt von kurzen Exkursen in die Seitengassen jener Zeit.  

Mit Rolf Bossert verbrachte ich in Bukarest, während meines Studiums der Journalistik, eine Reihe schöner Stunden. Nicht nur heftige Trinkgelage im Bukarester Schriftstellerhaus überstanden wir gestärkt, sondern wir setzten auch manchen Versfuß in Bewegung, auf unserer Reise über das Zifferblatt der Ceausescu-Diktatur.

Da ich zuerst, wegen familiärer musikalischer Belastung, in der Szene des Violin- und Bassschlüssels umherirrte und nur verspätet zur Literatur gefunden hatte, gab es zu Beginn unserer Annäherung auch oft „ewige Diskussionen“ über Lyrik und die politische Großwetterlage, über Seismographen, Zensur und den Weg dorthin.

Ging es um Literatur, um Bücher, um die Anziehungskraft des Mondes und dessen unwiderstehliche Verlockung des Dichters ins Gestrüpp der traditionellen Reimlehre, übte er sich in wortreicher Kritik an Form und Inhalt, versuchte präzise zu argumentieren und genau mit mir herauszufinden, was die Sprache und ein Gedicht im Innersten zusammenhalten kann.

Von ihm habe ich damals auch gelernt und war bestrebt, im Schnelldurchgang durch die Literaturszenerie zu „brettern“, auf der Suche nach der verlorenen Zeit meiner bis dahin nur oberflächliche Befassung mit dem Schreiben und den Ansprüchen der Literatur.

Später, Anfang der 80er, da hatten wir dann plötzlich beide als Dichter den gleichen Verlag, den Dacia Verlag in Klausenburg und Franz Hodjak als Lektor. Damals begannen sich allmählich meine eigenen Wege zum Gedicht abzuzeichnen. Wir brannten beide für die Lyrik, waren uns aber nicht mehr immer einig und rieben uns gelegentlich auch aneinander. Ich hatte dann aber mit meinem Gedichtband "tiefflug" (Dacia Verlag, Klausenburg 1981) einen bemerkenswerten Erfolg, bekam dafür den Lyrikpreis des rumänischen Schriftstellerverbandes zugesprochen. Ich glaube, damals könnte er auch leicht neidisch gewesen sein, was eigentlich nicht seinem Grundnaturell entsprach. Da er in Bukarest logierte und arbeitete, ich in Temeswar, sahen wir uns nicht allzu oft. Vielleicht blieben wir gerade deswegen Freunde.

War ich in Bukarest bei Prüfungen oder in Sachen Literatur unterwegs übernachtete ich öfters bei Bosserts. Und wurde so Zeuge nicht nur der ziemlich zerrütteten wie auch komplizierten Familienverhältnisse, sondern auch des außergewöhnlichen Zusammenhaltes, wenn es Engpässe zu durcheilen gab.

Gudrun und Rolf hatten einen sauschweren Anfang in der Hauptstadt, wie man das keinem jungen Ehepaar wünscht. Weil sie in Bukarest lange keine Wohnung zugeteilt bekamen, führten sie folglich ein Nomadendasein, ganz wie im Song des proletarisch gefärbten Liedermachers Hannes Wader: „Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort …“.

Gudrun übernachtete oft an einem Ende der Stadt bei irgendjemandem und Rolf am anderen Ende der Stadt, bei irgendjemand anderem, mitunter war auch gegenseitig nicht bekannt, wer sich gerade wo aufhielt und warum. Gelegentlich schlief man auch in einem Zelt. Diese Zeit war nicht nur eine krasse Herausforderung, sondern auch eine problematische Prüfung für die jungen Bosserts. Als sie endlich eine Wohnung zugeteilt bekamen und ihre beiden Buben von Gudruns Eltern zu sich nach Bukarest holen konnten, hofften die Freunde, dass sich jetzt alles zum Guten wenden, sich ihr Alltag normalisieren, Ruhe und Burgfrieden einkehren würde. Es sah lange auch gut aus, aber dieser An-Schein war trügerisch. In der unruhigen Zwischenzeit war wohl zu viel passiert, was eine stetig wachsende Distanz zwischen den beiden schuf. Irgendwann merkte man, wo man auch hintrat, es knirschte unter den Füßen vor zerbrochenem Porzellan. Gudrun war zuweilen mit ihrem umtriebigen und feuchtfröhlichen Rolf, der seine Talente im Haushalt nie richtig entwickeln konnte, ziemlich unzufrieden. Das Quietschen in ihrem Verhältnis wurde deutlicher vernehmbar. Die Epoche der Konfrontationen war angesagt. Rolf versuchte, diesen sich immer wieder anbahnenden Auseinandersetzungen zu entziehen, blieb immer öfter wieder auch mal über Nacht weg. Und vor allen sprach er eindringlicher mit dem Freund Alkohol. Es gab einiges zu vergessen.

In jener Zeit streunten wir öfters zusammen im Taxi durch die Hauptstadt, mitunter bis zum Morgengrauen, blieben auch mal da, mal dort hängen, waren wir doch beide nicht abstinent und wussten den Wodka, aber auch den Wein zu schätzen.

Eine der schönsten Szenen unseres Nachtlebens drehten wir mit Werner Söllner. Rolf und ich zechten mal wieder im Schriftstellerhaus, unter anderem zusammen mit Florin Puca, einem zeichnerischen Ausnahmetalent, ein wunderbar liebenswürdiger wie kluger Mensch, mit einem schwarzen Bart, in dem sich jede Menge Schriftsteller vor dem Geheimdienst Securitate hätten verstecken lassen, und mit lebhaften, leuchtenden Augen, blitzenden Zähnen und einem grollenden Lachen, das sich tief und in angenehmen Bässen aus der Brust erhob.

Puca mochte mich. Er hatte ein Faible für die deutschen Schriftsteller, und ich mochte ihn auch, denn er war geistreich und nie um eine Pointe verlegen oder um eine ironisch-lustige Story über irgendeinen der Schriftsteller, der gerade das Pech hatte, im Restaurant des Verbandes Gast zu sein und die Ehre zu haben, Pucas Aufmerksamkeit zu wecken. Ich konnte mit ihm Stunden lang über Gott und die Welt reden und trinken. Kaum betrat ich das Schriftstellerrestaurant, winkte mich Puca schon an seinen Tisch.

Obwohl Puca, selbst wenn er noch nicht voll betrunken war, genauso aussah und sich zudem auch noch so verhielt, als wäre er sturzbesoffen, blieb der Mensch unterhaltsam und spontan, malte bei guter Laune in jedem Zustand wie ein Gott, schuf in wenigen, entschlossenen Linien seine faszinierenden Männlein, die auf dünnen Strichen durch’s Gebirg‘ oder Tal wanderten, unterwegs in der Welt seiner Phantasie.

Auch Rolf war mit Puca gut befreundet. Also passte alles, „Facem un triumvirat, doi nemti si un barbar“, lautete einer von Pucas Sprüchen.

Ich hatte an einem jener Tage wieder einmal Geld von der Literaturzeitschrift "Viata Romaneasca" erhalten, deren Chefredakteur Ioanichie Olteanu, Dichter und Übersetzer, ein großartiger und großzügiger Mensch war, der uns jungen Schriftstellern mit dezidiertem Wohlwollen begegnete. Herr Olteanu war so alt wie mein Vater, Jahrgang 1923, und er unterzeichnete mir und meinem Freund, dem Schriftsteller und Journalisten Ion Bledea aus Sathmar (Satu Mare) ohne viel Aufhebens drei- bis fünftägige Einladungen zu seiner Zeitschrift, quasi so als hätte er uns zu literarischen Besprechungen nach Bukarest bestellt.

Mit diesem Papier konnten wir dann zur Schriftstellerkasse gehen, dort bekamen wir das Geld für die Zugfahrt erstattet und auch ein schönes Tages- und Taschengeld ausbezahlt, das wir in der Regel dazu nutzten, die Welt mittels Promillen von den Füßen auf den Kopf zu stellen. 

Bledea, mit dem ich zusammen mit gereiften Dichtertalent Mircea Dinescu, eine Spezialklasse der Journalistik-Fakultät an der Akademie „Stefan Gheorghiu“ besuchte, war mir ein sympathischer Freund und auch ein Glückspilz. Wir verstanden uns prächtig. Er war es auch, der mich bei Ioanichie Olteanu und noch einigen anderen Literaturzeitschriften einschleuste, damit wir zu unseren Einladungen kamen. Es trug sich manchmal zu, dass wir an den gleichen Tagen sogar mehrfach in Bukarest vorhanden waren.

Ion Bledea, dessen Spuren ich nach dem Studium verlieren sollte, war der Autor eines vom Schriftstellerverband preisgekrönten Buches mit Erzählungen („Vinatoare de cai“, auf Deutsch „Pferdejagd“) und galt in der Hauptstadt als große Begabung, die man fördern wollte. Im Schlepptau von Bledea befand ich mich in einer privilegierten Situation, es standen mir einige Türen offen, durch die ich sonst nie hindurch gekommen wäre.

An jenem Abend, an den ich jetzt denke, hatte er aber eine Verabredung, so dass ich alleine ins Schriftstellerhaus an der Calea Victoriei pilgerte. Ich traf fast zur gleichen Zeit mit Rolf ein, der nahm gerade am Tisch von Florin Puca Platz. Dort erwischte uns schließlich Madame Mitternacht. Und Frau Mimi, die Bedienung im Schriftstellerrestaurant, war zwar meistens geduldig, irgendwann aber drängte sie uns dann doch zum Aufbruch, weil sie – im Gegensatz zu uns - nach Hause wollte.

Nachdem wir dem bedrohlich hin und her schwankenden Puca vom Stuhl aufgeholfen hatten, ließ ich Frau Mimi ein Taxi herbeirufen. Damit brachten wir den vom Alkohol gezeichneten Groß-Zeichner nach Hause und hatten eigentlich vor, weiter zu Rolf zu fahren. Ein Wort ergab den anderen Witz und plötzlich stand uns der Kopf nach Zecherei. Ja, wir hatten beide noch Lust, irgendwo etwas zu trinken. Aber wo um diese Zeit, im dem schon dunklen Bukarest. Kurzerhand beschloss Rolf, wir fahren zu Werner Söllner und klingeln ihn aus den Federn.

Die Idee gefiel auch mir, also bat ich den Taxi-Chauffeur zu wenden und ließ uns durch „Bucharest by Night“ zu Söllners Wohnblock kutschieren. Söllner wohnte damals in einem relativ weit von der Kernstadt entfernten Beton-Viertel, damals zusammen mit seiner bildhübschen Frau, der filigranen rumänischen Dichterin Denisa Comanescu, Sie war zuvor mit Mircea Dinescu verheiratet, den Söllner kongenial ins Deutsche übersetzt hatte, wofür er mit Denisa auch so etwas ähnliches, wie einen alternativen Nobelpreis gewonnen hatte, denn viele Dichter hatten damals ihre Glas-Augen nach der bezaubernden Denisa in den Ring geworfen. Denisa aber hatte nur noch Augen für Werner und für ihn verließ sie den absoluten Jungstar des rumänischen Literaturlebens, Mircea Dinescu, und zwar – wie wir scherzten – ohne mit ihren schönen Wimpern zu klimpern. Doch die drei blieben Freunde, meines Wissens nach, bis heute.

Als wir aber endlich bei Söllner ankamen, lag der große Wohnblock bedrohlich in der Bukarester Dunkelheit. Sollen wir oder sollen wir nicht? Also die Treppen hoch. Vor Werners Wohnungstür fasste sich Rolf ein Herz, und drückte mannhaft mehrmals den Klingelknopf. Und wir horchten, horchten an der Tür, ob sich drinnen jemand bewegte. Es wird so gegen zwei Uhr morgens gewesen sein, und tatsächlich, es dauerte nur kurz, da näherten sich Geräusche, es öffnete sich die Tür und wir staunten nicht schlecht über das, was wir sahen, denn vor uns stand etwas verschlafen zwar, aber schlank wie eine junge Birke und in voller Größe der Kaiser Werner Söllner in seinen neuesten Kleidern. Jawoll, der Dichter als Kaiser, und nicht anders war es. Im Adamskostüm trat er vor die abwesende Welt, pudelnackt – das merkten wir gerade noch!

Obwohl Söllner damals wie ein junger Hermes aussah, erschreckte uns das nicht weiter, sondern wir rückten mutig mit unserem Anliegen raus: Wir haben noch Durst! Können wir bei dir noch was trinken? Der aus Morpheus Armen herbeigeklingelte Dichter war zwar nicht ganz glücklich über den hohen dichterisch versierten Besuch, aber auch nicht ganz böse, sondern er bat uns kurz angebunden in die Wohnung, hieß uns Platz nehmen und stellte wie geübt eine Flasche Wein und zwei Gläser auf den Tisch. So, sagte er, mehr hab ich nicht im Haus. Ich will aber jetzt weiterschlafen. Ihr könnt hier trinken so lange ihr Stoff habt, wenn ihr fertig seid, dreht ihr das Licht aus und zieht einfach die Tür hinter euch ins Schloss! Wir staunten wie die Prinzen. Doch die Anweisung war klar wie Wein. Also schenkten wir ein und während wir Geschichten hin und her wälzten, leerte sich die Flasche wie von alleine. Ich meine, es wäre ein Riesling aus Murfatlar gewesen, es könnte aber auch Jidvei an der Kockel gewesen sein. Irgendwann, so gegen 4 Uhr hatten wir sämtliche Probleme gelöst, die Welt vorübergehend in Ordnung gebracht, also löschten wir das Licht, zogen leise die Tür zu und stiegen durchs Treppenhaus hinab auf die Straße.

Mehrere Taxis fuhren vorbei ohne anzuhalten, während wir schimpften und auf Rumänisch fluchten, und zwar nach den kreativen derben Mustern, die diese einfallsreiche Sprache in diesem Genre in einer beeindruckenden Bandbreite von derber Farbigkeit anzubieten hat.

Irgendwann aber hielt doch ein Taxi und chauffierte uns zu Rolf nach Hause.

Im Unterschied zu Werner Söllner war Gudrun Bossert von uns beiden weniger angetan. Sie hatte uns kommen gehört, obwohl wir, wie Stan und Laurel, also vermutlich zu laut, "Pssst" zischten, während wir uns in die Wohnung schleichen wollten. Die Tür war aber noch nicht richtig ins Schloss gefallen, das stand Gudrun schon im Nachthemd in der Schlafzimmertür. 

Mir schien, als hörte ich noch den Schalk in Rolfs poetischem Auge kurz auflachen, dann stöhnen, doch wir waren auf der Stelle putznüchtern und ahnten das prompte Aufflackern der Alltagslyrik im sozialistischen Betonbunker. Ohne auf die Uhr zu blicken, wussten wir, was die Stunde geschlagen hatte. 

Was ich allerdings weder damals im diffusen Bukarester Morgengrauen ahnte, noch später, nach Rolfs Ausreise am 22. Dezember 1985, vorhersehen wollte, war die niederschmetternde Überraschung, dass er, nach den brecht-sozialistischen Mühen der Gebirgen in die Freiheit des glatten Kapitalismus entfleucht, seinem Leben so schnell ein Ende setzen würde. Gute zwei Monate „im Westen“, wie wir sagten, wenn wir die Bundesrepublik Deutschland meinten, wurde ihm, ich würde fast sagen bezeichnenderweise, ein Fenster zum Verhängnis, ein Requisit, mit dem er schon als Referent im Bukarester Friedrich-Schiller-Haus geliebäugelt hatte. In der Nacht vom 16. zum 17. Februar 1986 gelang ihm ganz unerwartet als finaler Akt auf diesem Erdball ein dramatischer Sprung aus der Verzweiflung und Fremde in die heimatlichen Tiefen der totalen Freiheit. In jener Nacht stürzte sich Rolf-Günther Bossert, 33 Jahre alt, aus einem offenen Fenster des Übergangsheims im Frankfurter Stadtteil Griesheim, wo er als Spätaussiedler mit Gudrun und den beiden Söhnen untergebracht war, in den Tod, sein anderes Leben.

Nur wenige Tage vorher, nach der Tagung Anfang Februar 1986 im Literarischen Colloquium Berlin, unter dem für die rumäniendeutsche Literatur bezeichnenden Motto, „Die Uneinigkeit der Einzelgänger”, wo er seine Zuhörer mit Gedichten beeindruckt hatte, schmiedete er literarische Pläne. Einen Gedichtband unter dem Titel „Schweigeminute für Eulenspiegel“ wollte er vorbereiten und anekdotisch gefärbte Kalendergeschichten und Kurzprosastücke zu einem Band „100 europäische Miniaturen“ zusammenfassen. Dazu kam es nicht mehr. Dennoch wurde es im Himmel recht schnell hell, sechs Monate nach Rolfs Abflug erschien im Rotbuch Verlag Berlin als Nachlass fast noch zu Lebzeiten Bosserts Gedichtband „Auf der Milchstraße wieder kein Licht“, eingeleitet von Guntram Vesper und mit einem Nachwort von Gerhard Csejka versehen. Darin steht auf Seite 38 Bosserts fulminanter Zweizeiler „Selbstporträt“, in dem es heißt: „Ich schreib mir das Leben / her, schreib mir das Leben weg.“ – ein Bekenntnis von poetologischem Format, aber auch von existentieller Tragweite.

Genau mit diesem Gedicht, mit dem ich hier meine Erinnerung an Rolf Bossert langsam ausklingen lassen will, beginnt sein 1984 im Dacia Verlag Klausenburg erschienener Gedichtband „Neuntöter“. Er hat mir das Buch in Bukarest geschenkt und folgende Widmung hineingeschrieben: „‘im ohr eine rede aus eis…‘ für horst samson, den freund und dacia-bruder, rolf bossert, bukarest ’84.“

Doch drei Jahre vorher, im Mai 1981, da hatte er mich in Temeswar besucht. Damals schrieb er mir in seinen Gedichtband „siebensachen“ die Widmung: „für horst samson, / mit einem aphorismus / ,es ist ein ständiges / kommen und gehen: / die einen kommen drauf, / die anderen gehen drauf ‚, rolf bossert“.

Letzter Ab-Satz. Nachdem meine Ausreise nicht mehr zu vermeiden war, hatten wir die Absicht, nach Franktfurt am Main … zu gehen. Nach Rolfs verstörendem Freitod, der mich bis heute immer wieder mal aufwühlt, und zwar so dass ich meine, mich dem Freund nur mit einem Gedicht nähern zu können, drehten wir ab und wechselten das Ziel unserer Emigration. So kann ich mit meiner Familie im März 1987 anstatt nach Frankfurt am Main in Heidelberg am Neckar an. Meine feste Absicht bestand darin, mir das Leben zu erschreiben, aber nicht wegzuschreiben. Als ich jedoch zwei Jahre später in Hanau, in der Katharina-Belgica-Straße 1-3 übersehen und überhört und durch fingierte Gerüchte aufs kalte Gleis gestellt an meinem Poem „La Victoire“ schrieb und strich und schrieb und strich, da wäre mir mein fester Vorsatz um ein Haar misslungen. Ich weiß nicht mehr, woran ich damals alles dachte, als in Marburg per Nachruf der Tod der rumäniendeutschen Literatur ohne mich verhandelt wurde, aber ich habe den Augen-Blick, mich selbst zu entführen, am Ende unbeschadet überlebt. Vielleicht habe ich genau das dem „sanften Guerillero“ Rolf Bossert zuzuschreiben. Ich bin nicht sicher, ich weiß es nicht. In einer Foto-Collage aber versuchte ich vor vielen Jahren, diesen Gedanken mal abzuarbeiten. Ein bildgebendes Element darin ist das Auge, wie Gerhard Csejka in seiner editorischen Notiz zu dem Band der „Gesammelten Gedichte“ Rolf Bosserts „Ich steh auf den Treppen des Winds“ (Verlag Schöffling & Co, 2006), dazu schrieb, das Auge – „eine komplexe Grundmetapher bei Bossert“. 

 

Neuberg / 14. Dezember 2017 

 

4 Anhänge

 

 

Vielleicht wollte er fliegen

Von Horst Samson

 

„Ich schreib mir das Leben / her, schreib mir das Leben weg.“ – so kurz und summarisch fällt Rolf Bosserts zweizeiliges „Selbstporträt“ aus. Kurz wie das Leben des rumäniendeutschen Dichters.

33 Jahre alt ist Rolf Bossert, als er im November 1985, nach etlichen Schikanen durch den

Sicherheitsdienst Securitate, im November 1985 aus der Ceausescu-Diktatur ausreisen darf. Wir durchzechen zuvor eine letzte lange Nacht. Sie führt uns im Taxi kreuz und quer durch Bukarest. Wenige Tage später ist es so weit. Der Abschied hat den Hut auf. Rolf Bossert geht. Mit Frau, zwei Kindern und Typoskripten. Er ist Aussiedler, Einzelgänger. Und er ist Dichter. Mitten drin in der Fremde sitzt er plötzlich, mutterseelenallein, wurzelt nur noch in der Poesie. Das ist ihm, so bleibt zu vermuten, zu wenig. Je länger er darüber nachdenkt.

Drei Monate später, in der Nacht vom 16. zum 17. Februar 1986, sitzt er im Aussiedlerheim im Stadtteil Griesheim, in Frankfurt am Main bis zum Morgengrauen in der Küche. Gegen 4 Uhr schaut seine Frau Gudrun noch einmal nach ihm, um 6 Uhr ist er nicht mehr da. Aber das Fenster am Ende des Flurs ist offen. Darunter liegt Rolf Bosserts Leiche. Vielleicht wollte er fliegen.

Sieben Bücher hat er zu Lebzeiten veröffentlicht und sich das Leben buchstäblich

weggeschrieben. Zu lesen ist jetzt sein poetischer Nachlass in dem soeben erschienenen

Gedichtband „Ich steh auf den Treppen des Winds“, eine editorische Großtat des Frankfurter Schöffling-Verlags.

Als Dichter zieht Bossert alle Register, vom sarkastischen Statement mit dezidiert politischer Aussage „suche hund / mit 2 mäulern / der nicht schweigen muss / während er beißt“, über poetisch-meditative Passagen bis hin zur Entgrammatisierung der Sprache und der Montagetechnik, mittels der er traditionelle lyrische Formen findig dekonstruiert („Lilien, steife Hyänen. / Gelbe Spur auf dem Tuch in der Tasche. / Ein Netz um die Haut. / Tausend Kerzen im weiten Aug. // Die Wörter flackern nicht mehr.“, Requiem). Und nie ist er um eine Pointe verlegen.

260 Gedichte umfasst dieses lesenswerte Buch, dazu einen Erfahrungsbericht „So

entstand ein Gedicht“, eine Bio-Bibliografie und ein teils kundiges, bedauerlicherweise etwas abrupt seinem Ende zustrebendes Nachwort vom Herausgeber, dem Literaturkritiker Gerhard Csejka. Die im kritischen „Apparat“ gemachten Erläuterungen verweisen leider nicht auf die entsprechenden Buchseiten, sondern ins Nirwana. Auch hätte ich mir eine genauere und detaillierte Bio-Bibliographie vorgestellt, die an wichtigen Stationen nicht nur mit der Jahreszahl operiert.

Dennoch wunderbar, dem Rolf Bossert nach zwanzig Jahren auf diese Weise wieder zu begegnen. Ein wunderbares literarisches Denkmal hat Csejka dem Dichter Rolf Bossert

gesetzt. Vielleicht ist es auch ein … Mahnmal.

_________

 

Rolf Bossert: „Ich steh auf den Treppen des Winds. Gesammelte Gedichte“, Verlag Schöffling & Co, Frankfurt. 352 Seiten, 24,90 Euro. ISBN: 3-89561- 299-5.

 

* Die Rezension ist leicht gekürzt in der Printausgabe der „Frankfurter Neue Presse“ vom 9.03.2006 unter der Überschrift „Weit stand das Fenster am Morgen offen: Wollte der Dichter fliegen?“ (Titel der Redaktion, Anm. H.S.) erschienen. Mein Titelvorschlag lautete „Vielleicht wollte er fliegen!“.

 

 

Horst Samson

 

GEDICHT FÜR ROLF BOSSERT

 

Das Ergebnis

ist eindeutig. Der Lärm

hat aufgehört, aber du bist

nicht tot. Mit blitzenden Augen

sitzt du im Gedicht und grinst.

Warum erzähl ich das

diesen verschneiten Bäumen

am Weg, die nichts begreifen:

Oben sehen sie

wie Philosophen aus und unten

sind sie Kellner.

Die Biermesse hielt ich

- wie versprochen - alleine

und ohne Pfarrer. Die Dunkelheit

ist jetzt dunkel, ein Milizmann

mit Wolfshund starrt

mir ein Loch in den Rücken.

An den Strommasten hängen

Glühbirnen in der Schlinge

und nach jedem Schritt suche ich

meinen Fuß. Der Wohnblock taumelt

auf mich zu. Die Fenster sind

schwarze Kohlen.

 

Ich steige die Treppe hoch

zur Wohnung. Im Zimmer wartet

der Februar. Es scheitert der letzte Versuch

mit dem Schnee zu reden. Auf dem durchgetretenen

Teppich angelangt (er fliegt

nie wieder), sink ich in den Türkensitz,

brenne ein Gedicht für dich an, grüße

deinen roten Bart.

 

Die Feder, die kleine Feder

des Neuntöters

im Kopf, falle ich im Morgengrauen

in die Nacht hinunter.

 

(Temeswar, 1986, Version 1)

 

Horst Samson

 

BRIEF AN ROLF BOSSERT *

 

Der Lärm hat also aufgehört. Die Zeit

Ist jetzt einfach ganz leise

Weggegangen. An den Strommasten

In der Calea Aradului wurden alle Glühbirnen

Durch Präsidialdekret erhängt. Nach jedem Schritt

Suche ich jetzt im Dunkeln meinen Flügel, deinen.

Im Arbeitszimmer warten

Versprengte Gedichte und ein halberfrorener

Februar. Es scheitert der letzte

Versuch, mit den Tapeten vernünftig

Zu reden. Auf dem durchgetretenen Teppich

Verbrenne ich im Türkensitz ein Gedicht

Für dich, öffne einen „Riesling de Tirnave“

Und grüße deinen roten Bart. Die Feder,

Die schöne Feder des Neuntöters im Kopf

Fliegt die weiße Nacht

Von dannen. Und keiner von uns weiß mehr

Wohin!?

 

(Temeswar, 1986 – unveröffentlicht, Version 2)

 

 

* Der Schriftsteller Rolf Bossert wurde am 16. Dezember 1952 in Reschitza, Rumänien, geboren und ist am 17. Februar 1986 in Frankfurt am Main gestorben.)  

 

 

Horst Samson

 

REISE IN DIE VERKEHRTE WELT

 

für Rolf Bossert

 

Niemals war ihm genug genug.

Die Welt erstickte an sich. Im Unterholz

Hüpften Kreaturen, rutschten

Auf den Knien durch

Die Gegend, dachte er, am Fenster stehend:

Springe ich jetzt hinaus

In die Nacht, in ein anderes

Leben, dann ist es doch

Vielleicht ein Stern, der fällt.

Mit den Wörtern türmte er

Ganz offen

Erinnerungen an ausgefranste

Tage aufeinander zu einer schiefen

Skulptur. Es war Zeit, er packte

Die Gedanken ein, er hatte genug.

Keine Zahnbürste, keinen Gehrock, kein Bedauern,

Nur Gedichte nahm er mit

Auf den Flug in die schwarzen Wälder.

 

(2011)

 

(Aus Horst Samson: „Das Imaginäre und unsere Anwesenheit darin“, Gedichte, 2014, Pop Verlag Ludwigsburg)

 

Horst Samson

 

GEPLATZTER FLUG

 

für Rolf Bossert

 

Es war seine Nacht, er flog aus

Dem Fenster. Es krachte im Kreuz

Und gleich hinter den Augenliedern

War der Blick gebrochen. Der gebrochene

Blick kam von tief unten. Aus

Dem roten Schnee kam er. Doch keiner verstand

 

Das Unwetter im Körper

Vor dem Flug. Im Hirn steckten

Wörter kreuz und quer, in kaputten

Sätzen, nicht zu entwirren. Überall

Entdeckte die Spurensicherung

Scherben, Splitter

Von Träumen. Sie waren nicht mehr

Zuzuordnen. Auch die Halswirbel

Am Boden zerstört,

Zu nichts mehr zu gebrauchen.

Aber trotzig starrte er

Aus der Blutlache in den Himmel,

So als schöpfte er noch aus dem Nichts.

 

 

(Mai 2017, nach einer alten Notiz - unveröffentlicht)

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