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Horst Samson

 

DIE AKTE

 

Motto 1: Lass doch die Akte ruhen!

Motto 2: Hier wird schon noch gezettelt werden!

 

Gestern Nacht klopfte es unerwartet an die Haustür. Ich hielt die Lider geschlossen. Du öffnest nicht, dachte ich und guckte störrisch in mich rein. Aber das Klopfen ließ nicht nach, es hörte nicht auf. Ich zählte! Es klopfte, klopfte, klopfte. Eine Rose? Ich überlegte  noch im Halbschlaf. Es klopfte erneut. Das war ein Klopfen zu viel, klar. Ich warf mich widerwillig aus dem Bett, schlurfte zur Haustür, öffnete. Kälte schlug mir entgegen. Draußen stand die Akte. Ihr frierte. Sie klapperte hörbar mit den Zähnen. Entschuldigen sie, Herr Keuner, sagte die Akte, ich wollte sie nicht stören, drehte sich um und ging im Mondschein kerzengerade die Lessingstraße runter. Am Ende bog sie in den Brecht-Weg ab. Verdutzt guckte ich ihr hinterher. Die kommt wieder, dachte ich. Und verschloss die Haustür.

 

(Neuberg, 1. März 2018)

 

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Joseph Freiherr von Eichendorff  (1788-1857)

Mondnacht 

Es war, als hätt' der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt'.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht. 

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.


Seit über vier Jahrzehnten kenne ich dieses tödlich schöne Gedicht, bin ihm stets neu erlegen. Die transzendentale Stimmung ergreift mich mit imaginären Krallen, hebt ab mit mir im konjunktivischen Aufwind der ersten Strophe über alle Vergangenheiten, lässt mich mitfliegen in ein unergründliches Sternenmeer, ausschwärmen zwischen Himmel und Erde, zum Ich werden in der letzten Strophe des Lebens. Ganz leicht in der Sprache und sicher im Blick auf die Dinge der Erde entfacht Eichendorff volksliedhaft eine sehnsuchtsschwere, sinnphonische Komposition, entführt mich über die verschwiegene Linie des Horizonts in eine andere Zeit, geleitet mich westwärts in die Ewigkeit – die sich mit diesem genialen Konjunktiv der letzten Zeile öffnet wie ein weites unentdecktes Land. Und erst jetzt, im stillen Vergehen und Ankommen ist der Tod überwunden, der weit unten durch die Felder streift, vergessen sind wogende Ähren, rauschende Wälder, die Schönheiten der Welt. Als meine Frau Edda mir kürzlich im Krankenhaus nach einer Hautkrebsoperation ihre Tagebuchaufzeichnungen zeigte, die sie mit einem roten Abendhimmel, fotografiert vom Fenster ihres Krankenzimmers aus und mit „Mondnacht“ illustriert hatte, weinte ich. So tief ging mir dieses Gedicht unter die Haut. Und ich sah unsere Liebe fliegen, anmutig und still und so als flöge sie mit uns beiden nach Haus.

Horst Samson

 

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Horst Samson

LOB DER BEWEGUNG

 

Rainer Maria Rilke

Der Panther. Im Jardin des Plantes, Paris


Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe 
so müd geworden, daß er nichts mehr hält. 
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe 
und hinter tausend Stäben keine Welt.


Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.


Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.


(6.11.1902, Paris )

 

„Der Panther“ ist unter halbwegs Literaturbeflissenen bekannt wie ein bunter Hund. Es war Liebe auf den ersten Blick. Wenige Gedichte kann ich heute noch auswendig vortragen, aber dieses gehört „seit jeher“ dazu. Noch in Demenztagen werde ich es rezitieren, dessen bin ich mir gewiss. So tief habe ich es verinnerlicht.

Jeder begreift, worum es in diesem bewegenden Gedicht voller Stäbe geht. Um die Gefangenschaft und ums Überleben. Ist es ein Tier? Auf den ersten Blick gewiss, wenn Rilke wie ein Kameramann von außen in die Totale fährt, um durch die Pupille das Innerste dieses Lebewesens filmisch-philosophisch auszuleuchten, um von dort aus auf die Welt und auf uns gierig starrende Affen und Voyeure vor den Stäben zu blicken.

Wir aber sehen nicht, was in dem Tier vor sich geht, auch wenn wir es ahnen und gedanklich dennoch den schweren Vorhang der Pupille lautlos wegzuschieben versuchen. Vergeblich, es gelingt uns nicht, das Tier im Tier zu verstehen, das Gefangensein zu begreifen. Eine sprachlich grandiose Inszenierung schildert dieses Unvermögen.

Öffnen wir die Augen, auch die Ohren, so wird uns gewahr, dass Rilke mit uns spielt, indem er das Tier personifiziert, was uns in heftige Erregung versetzt und es ganz nahe an uns heran zoomt. Plötzlich ist der müde Panther Du und du bist das sich zwanghaft im Kreis bewegende Raubtier. Ein im Grunde tiefschürfendes Wechselspiel. Aber jeder begrenzt ganz radikal die Freiheit des anderen. 

Alles spiegelt sich geschmeidig in allem, in seinen, in unseren Pupillen tanzen die Bilder, Sehnsüchte – nach Wildnis, nach Weite, nach Freiheit. Auch den Traum nach einem kraftvollen Tanz mit den Gräsern der Savanne und nach Selbstbefreiung erinnern wir kurz.

Nur man hat uns im Käfig gebrochen, nichts ist geblieben von jenem großen Willen, der uns bewegte, nichts als ein müder Gang „in allerkleinstem Kreise“. Schlimmer geht es nimmer.

Aber da ist noch dieses Herz, dieses pulsierende Herz, das seine Majestät raubtierisch in Bewegung hält. Nur im Prinzip hat es bereits aufgegeben, doch es bleibt auch so sprungbereit, weil sich der Panther auch in unserem Kopfe bewegt, wo wir Freiheit für das Tier, dem ein „Ich“ zugeschrieben wird, imaginieren und sie auch für uns selbst reklamieren. Bei der leisesten Chance auf Entkommen, kann die alte Raubtierkraft jeden Augenblick mit brachialer Gewalt explodieren. Dann wird das Tier in sich und in uns wach, stürzt nach hölderlin‘schem Apell aus der Haft … ins Offene!

Den Panther traf ich nicht im „Jardin de Plantes“ in Paris, sondern Anfang der 70er Jahre in Siebenbürgen, Rumänien, genauer in Hermannstadt, wo ich das pädagogische Lyzeum besuchte. Jedoch auch nicht im Tiergarten, sondern im Deutsch-Lesebuch für Gymnasien. In einem ganz besonderen Moment. 

Unsere Deutschlehrerin Ursula Scheiner sah Mutterfreunden entgegen, da öffnete sich eines Tages die Klassentür und herein trat ein etwas schmächtiges Männlein, das uns die deutsche Sprache und Literatur als Ersatzmann vermitteln sollte. Es war Karlfritz Eitel (1886-1982), Schauspieler und ehemaliger Theaterdirektor. Keiner von uns kannte ihn. Herr Eitel fackelte nicht lange, er griff nach dem Lehrerstuhl hinter dem Katheder, zog ihn vor sich, stützte sich auf die Lehne, sog eine Menge Luft in sich so als würde er platzen wollen, um dann mit schierer Urgewalt loszulegen, mit einer kräftigen Stimme, die ihm keiner von uns Testosteronkelchen zugetraut hätte. „Der Panther“, zischte er als würde er uns aus dem Klassenraum blasen wollen, „von Rainer Maria Rilke“. Und dann waren wir 35 Schüler nur noch ein Ohr. Er hielt uns gefangen, gefangen im Jardin de Plantes, in Paris – in jener Stadt, von der wir Unfreie, in einem von Soldaten bewachten mit Stäben umgebenen Land nur träumen konnten, die Stadt an der Seine, in der Paul Celan unterging, einmal zu sehen. Und sei es nach dem Leben.

Aber wie Geschichte so spielt. Eines Tages öffnete ein Wärter die Tür meines Käfigs und zischte bedrohlich: Verschwinde!

Das ließ ich mir nicht dreimal sagen. Mit geschmeidig starken Schritten bewegte ich mich auf den Grenzbahnhof Curtici und den Zug des Exils zu. Ich weiß nicht mehr, wie mein Gang in Wirklichkeit aussah. Ich vermute, erbärmlich. Aber in meinem Herzen brannten Bilder mehr als Sterne, genügend für einen vielteiligen Film. Und die hörten nicht mehr auf, zu sein. Bis heute.

 

 

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