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Horst Samson

 

DAS LAND

 

Das Land hat keinen Namen, die Stadt

Nicht und nicht das Dorf. Die geduckten

Menschen, die Mörder kennt jeder, die Angst,

Den langen Arm der Geschichte.

 

Keiner erinnert sich, wie es geschehen konnte, geschah.

Eines Tages waren die Zeugen weg, alles war spurlos

Verschwunden, wie aufgelöst, sagen sie, im Äther

Verflogen, nichts wurde vermisst, kein Mensch, kein Wort.

 

Nachts glühten Gedanken, entzifferten den Tod,

Im Zwielicht pulste das Hirn, schimmerte

Wie Phosphor brannten die Augen im Kopf, die Akten,

Das Herz lag da, leer wie eine verlassene Kaserne. 

 

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Horst Samson

 

DAHINGEHEN. DEN THÜRINGER FREUNDEN

            "Ich bin die wunde und der Dolch."

                                                    Baudelaire

 

Soeben bin ich, schreibe ich, heimgekehrt,

vom klirrenden Feld.

Nirgendwo ist es schöner zu sein

Um diese Lebenszeit, Jahreszeit, nirgendwo

 

Ist man geschlossener und offener

Für Mitstürzende,

Als beim Dahingehen

In der Stille

 

Des Reifes und des Reifens,

Da Äußeres sich innen sammelt: Brechende

Grashalme, überstürzte Hasen - gewaltig spürst du

In der Natur das eigene

 

Gewicht. Und obwohl du in friedlicher Absicht da bist,

Kannst du nichts verhindern, kannst nicht

Verhindern, dass Rehe vor dir fliehen in weißes Land,

Während du hingerissen

 

Sie gleiten siehst wie Tänzerinnen vom Bolschoi,

Liebend und verwundbar

Bilder der Natur empfängst und Gericht hältst über das

Imaginäre und unsere Anwesenheit darin.

 

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Horst Samson

IN DER ZELLE DER EXILS

 

Es wächst im Lager nachts ein Land

Wie Unkraut hoch: So war’s, ganz anders

Wie wir wissen, wird es vielleicht mal

 

Gewesen sein, wird Farbe jetzt daheim

Und Imagination, wird vorgestelltes Schrein.

Die letzte Zeit im Weitergeben halber Wörter

 

Hinter vorgehaltener Hand – vielleicht ein Leben

Totgelegt, verscharrt im Sand, das sich bewegte noch

Auf dem Papier, versprengt wie wir.

 

(1987/2012)

 

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Horst Samson

 

GEBET

 

Der du bist im Exil,

Verschwiegen werde dein Name, dein Wille

Vergehe ungeschehen auf Erden wie im Himmel

Das tägliche Brot. Dein Reich

Verschimmele, wie Dein Körper, deine

Wörter sind schnell und schuldig, sie vergeben

Nichts wie auch wir dir nie vergeben.

Es treffe dich das Böse, wo immer

Du bist, und nehme dir alles – das Land

Und die Kraft und deine Herrlichkeit,

Das ewige Amen und die Sprache. Deine Gedärme

Sollen rosten, dein Hirn
Soll verglühen wie ein Komet im Nichts

Des Exils, wo auch du ein Niemand bist

Wie dein Name. Wie

Dein Name!

 

 

(2013)

 

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Horst Samson


BEWERBUNG UM DIE VAKANTE STELLE IM PELAGOS-PROJEKT

 

Mein Gehirn ist groß, ich interessiere mich für Frankreich.

Bin sehr begabt, ein exzellenter Springer, kann wundersam pfeifen, schwimmen
Und manches mehr. Ich habe in Filmen gespielt. Ich sehe weit und tiefer

Noch unter Wasser. Gerne kleide ich mich elegant, grundsätzlich
In abgestuftem Grau - heller unten und mit dunklem Cape. Ich unterscheide
Mich, geehrte Damen, werte Herrn, von allen anderen aus der Gruppe
Durch Linien, Felder und Farben reich an Kontrast. Man rühmt mir nach,

Ich sei der flinkste in den Wasserwelten und meine hohen Sprünge
Zierten die Glanzseiten teurer Magazine. Man kenne mich, berichtete
Ein Fotograf, auf allen Kontinenten und hält mich für sozial. Ich will's nicht
Leugnen, ich gebe zu, dass ich verletzte, kranke, sinnesschwere
Artgenossen selbstlos pflege. Ja, ich tue Gutes und bin auf Angriffe eingestellt.

Während die eine schläft, halte ich die zweite Hälfte des Gehirns hellwach
Und beide Augen schließe ich nie. Nähre redlich mich bevorzugt von Kalmaren,
Verschmähe Fische nicht und auch nicht Schalentiere. Ich helfe gerne, wo ich kann,
Nicht Göttern nur, wie Apollon, den einst an Land ich trug, oder Poseidon,
Dem ich half, die Hand der Meeresnymphe Amphitrite zu gewinnen,

Auch den mit Liedern reich gewordenen Sänger Arion von Lesbos zog ich
Ans Ufer und rettete ihn vor Gierigen, und sogar Autisten halte ich
Die Rückenflosse hin und ziehe sie - ihre Seele heilend - hinter mir her.

Ich weiß, es brüstet sich das Militär, in finstern Zeiten meiner sich zu bedienen,
Zu missbrauchen mich als Minenschlepper und -installateur.
Ich kann's nicht leugnen, ich verachte sie, Gott ist mein Zeuge.

Will in Antibes friedlich Krebse und Tintenfische mir verdienen,
Und mehren meinen immer noch zu geringen Ruhm.
Am besten kennt und schätzt man mich unter Wasser,
Es ist wahr, da wo die Stillen vegetieren, obwohl mein Konterfei
Sogar das Wappen des Grafen von Vienne ziert und manch ein Hippie mich
Zum Symbol erkor für die Bewegung gegen hohle Wohlstandsideale.

Verstehen kann ich das, nur nicht begreifen, war ich doch nie an Land und schlief
Bekifft in Blumenwiesen mit Gitarren. Wahr ist, ich kann kommunizieren,
Diese Bewerbung ist Beweis genug. Dazu hab ich Empfehlungen,
Geehrte Damen, werte Herren, für friedliches Orten von Seeminen – auch aus 100 Meter Tiefe.
Ich bitte sie um Ihre Zuneigung. Über ein Vorstellungsgespräch würde ich mich freuen.

 

(2007)

Anm. d. Red.: 2007, im UN-Jahr des Delfins, verlieh die „Gesellschaft zur Rettung der Delfine“ (GDR) in Kooperation mit der Zeitschrift „Das Gedicht“ (Anton G. Leitner Verlag, München) und mit Unterstützung der Abteilung für Umwelt und Nachhaltigkeit von REWE-Touristik, Horst Samson den Preis „Das schönste deutsche Delfingedicht“, der unter anderem in einer Reise für zwei Personen zur Walbeobachtung nach Teneriffa bestand.

 

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Horst Samson

 

DIE ZERSTÖRUNG DER WELT IN SIEBEN TAGEN

 

Am ersten Tag vernagelte er die Türen,

Vergitterte die Fenster,

Hielt eine flimmernde und lange Rede

Über die Nutzung der Sonnenenergie und des Uraniums,

Über die Vorteile der Dunkelheit

Und des davonfließenden Wassers.

 

Am zweiten Tag ließ er

Die schaukelnden Fahnen aus dem Sack,

Reduzierte drastisch den Sauerstoffverbrauch,

Verkaufte die Berge, die Bäume und die Sträucher,

Rasierte ganze Ortschaften von der Landkarte,

Ackerte die Friedhöfe um,

Entdeckte den Asphalt und die Industrie.

 

Am dritten Tag schaffte er die schwarzen Zeitungen ab,

Erfand in mühevoller Arbeit

Die rote Zeitung und das Farbfernsehen,

Die Zufriedenheit des Fußvolks und der Kühltruhen,

Verteilte Brot

Und warf ein geheimes Netz über die Landschaft.

 

Am vierten Tag verordnete er die Verschmutzung

Der Flüße, Seen und Weltmeere,

Die Aufzucht neuer Unkräuter und Krankheitserreger.

Die Blumen wurden mit verbundenen Augen

An die Wand gestellt,

Den Rest erledigte eine originelle chemische Substanz.

 

Am fünften Tag - Es war der Tag der Offenbarung -

Sah man viel Volk versammelt und sieben Leuchter,

Hörte eine Stimme, die war wie großes Wasserrauschen

Und ging aus mit Blitz und Donner von einem Stuhl,

Der gesetzt war im Himmel und auf dem einer saß,

Zwischen Tieren vieltausendmal Tausend,

Voller Augen vorn und hinten.

Und neben jeden Milizmann war ein Milizmann gestellt,

Und neben jedes Ohr ein Ohr,

Und niemand wusste, was da ist, was war, was kommt,

Die Vernunft zu nehmen, zu erschlagen, zu erwürgen

Auf fahlem Pferd die noch beweglichen Geister

Zwischen den vier Ecken der Welt,

Die ein Zimmer war mit vernagelten Türen

Und einem Regenbogengitter vor dem Fenster.

 

Am sechsten Tag fanden die ,,Stunden der Kultur'' statt.

Da wurden die Maler und Bildhauer,

Die noch Maler und Bildhauer waren, verboten,

Die Architekten, die noch Architekten waren,

Die Filmemacher, die noch Filmemacher waren,

Die Schauspieler, die noch Schauspieler waren.

Die Schriftsteller, die noch Schriftsteller waren,

Wurden als ungültig erklärt,

Und es wurde ein Buch geschrieben, so dick

Wie hundertfünfzig Wände

Und der verbliebene Odem reichte noch gerade dazu aus,

Den Allgegenwärtigen

In extenso zu loben mit hellen Zimbeln.

 

Am siebenten Tag - es war ein Arbeitstag

Wie alle anderen - trat der ,,Abendstern"
Mit geflügelten Friedensworten vor die Welt

(FernsehApparate aller Länder liefen auf

Hochtouren). Und er winkte, sah und verteilte

Geheimdienstler in alle Himmeln,

Streute Gift über das Gewimmel

Lebender Seelen, zerstückelte kunstvoll

Die Kontinente in den Köpfen

Bis sich im ganzen Land nichts mehr regte.

Da besah er alles, was er getan hatte,

Und siehe, es war sehr gut gelungen.

 

(1981 - erstmals erschienen in "Tasten. Zeitschrift für Literatur", Wuppertal 1991)

 

 

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